Das Kreuz in der Südsee

Bild der 1. Woche - 3. bis 9. Januar 2011

Paul Gauguin, Kruzifix, Holzschnitt auf Chinapapier, Probedruck, 53,4 x 25,9 cm; 39,4 x 13,2 cm (Darstellung), Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, Graphische Sammlung Inv.-Nr.: 1942/497

Schon während seiner Schaffenszeit in der Bretagne hat sich Gauguin intensiv mit christlichen Bildinhalten auseinandergesetzt, die er freilich in eine sehr persönlich geprägte Ausdrucksform übertrug. Dabei spielte die Gestalt des Gekreuzigten eine wichtige Rolle (z. B.: Der gelbe Christus, 1889, Buffalo, Albricht Art Gallery, und: Selbstbildnis mit dem gelben Christus, 1889 ?, Privatbesitz). Zweifellos deutet sich hier auch jene Künstlersymbolik des späten 19. Jahrhunderts an, die dem schöpferischen Genius etwas von der Aura eines Erlösers ebenso wie des Opfers beilegte. Gauguin hat beim Schneiden des Holzstocks für seinen Druck klare, flächige Wirkungen geschaffen. Darin zeigen sich Anregungen, die ihm sowohl durch mittelalterliche Druckgraphik als auch durch die ornamentalen Kunstformen der Naturvölker zugekommen sind. In der Malerei entspricht einer solchen urtümlich-einfachen Gestaltung das Prinzip des „Cloisonné“, das auf dem Einsatz klar umgrenzter farbiger Flächen beruht und dessen Name von dem einer traditionellen Email-Technik abgeleitet ist. Gauguin gibt ein kraftvolles und eigenwilliges Bild des Gekreuzigten, das durch Elemente exotischer Symbolik bereichert wird. Sonne und Mond erscheinen als maskenhaft expressive Köpfe, und darüber steht beherrschend eine radähnliche Form, die an Vorbilder aus der indischen Kunst denken läßt, mit der sich der Künstler ebenfalls beschäftigt hat. So erweitert Gauguin das zentrale Thema der Christenheit über die europäische Tradition hinaus und führt es zu einer ebenso persönlichen wie weltumgreifenden Bedeutung.

U. Westfehling