Auf der Flucht

Bild der 52. Woche - 27 Dezember bis 02. Januar 2010

Eduard Jakob von Steinle, Die Heilige Familie und der Johannesknabe, 1868 Gouache über Bleistift, Aquarell, 70 x 54,3 cm (Blatt); 61,6 x 48 cm (Darstellung), Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, Graphische Sammlung Inv.-Nr.: 1977/1

Der Maler Eduard von Steinle hatte in jungen Jahren zum Kreis der Nazarener in Rom gehört; später wurde er zu einem der renommiertesten Gestalter christlicher und historischer Themen in Deutschland. Er schuf unter anderem vielbeachtete Wandmalereien und speziell auch Zyklen mit religiöser Thematik wie die Engelschöre im Chor des Kölner Doms. Die Fresken im Treppenhaus des alten Wallraf-Richartz-Museums (zerstört) schilderten Szenen aus der kulturgeschichtlichen Entwicklung der Rheinlande. Steinles künstlerischer Stil war auf klare, zeichnerisch entwickelte Formen und zarte Farbigkeit angelegt. Er vertritt eine gefühlsbetonte Richtung religiöser Kunst, und die empfindsame Atmosphäre seiner Werke kann als ausgesprochen „weich“ empfunden werden. Das hier vorgestellte Aquarell macht sowohl die Klarheit als auch die Gefühlsbetontheit in der Kunst des Malers deutlich. Die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten wird über den biblischen Bericht hinaus in einen weiter ausgreifenden erzählerischen Kontext gestellt: Auf dem Felsen rechts erscheint der Johannesknabe, symbolisch in das Fellgewand gekleidet, das ihm eigentlich erst im Erwachsenenalter zukommt. Er wird vom Christuskind huldvoll begrüßt und läßt durch Berührung des Steins mit seinem Kreuzesstab einen Quell aufsprudeln.

U. Westfehling