Familienbande

Bild der 47. Woche - 22. bis 29. November 2010

China, Ahnenporträt eines Beamten, Hängerolle, Tusche und Farben auf Seide 180 x 85,7 cm, Ming-Dynyastie, datiert 1607, Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, Inv.-Nr. A 38,2
China, Ahnen-Gruppenporträt, Hängerolle, Tusche und Farbe auf Seide, 200 x 118,2 cm, Qing-Dynastie, um 1900, Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, Inv.-Nr. A 93,18, Ex Sammlung Editha Leppich
Detail aus dem Ahnen-Gruppenporträt

Den Vorfahren Ehre erweisen und Ruhm auf ihre Verdienste häufen, den eigenen Namen in den Geschichtsbüchern hinterlassen und dafür sorgen, dass die Familienlinie durch männliche Nachkommen weitergeführt wird, die ihrerseits den Ahnenkult wiederum fortsetzen, - dies waren die wichtigsten Forderungen des konfuzianischen Gebots der Kindespietät (xiao). Auch war diese auf das Diesseits ausgerichtete Sozialethik die einzige Form der “Unsterblichkeit”, die der Konfuzianismus anzubieten hatte. Etwa seit dem Ende des 16. Jahrhunderts nahm das Handwerk der chinesischen Ahnenporträtmaler einen enormen Aufschwung, denn mit wachsendem Wohlstand und zunehmender sozialer Mobilität wuchs auch das Bedürfnis, sich abzugrenzen und die Familientradition und den eigenen Sozialstatus eindrucksvoll zur Schau zu stellen. Dieses wegen seiner präzisen Datierung seltene Ahnenporträt eines Beamten aus dem Jahr 1607 belegt diese Entwicklung eindrucksvoll. Der Beamte trägt das für die Ming-Dynastie (1368-1644) typische rote Hofgewand mit einem bestickten oder gewebten goldgrundigen Rangabzeichen, das Mandarinenten zeigt und für den 7. Beamtenrang steht. Der Hut besteht aus lackierter Gaze. Der Würdenträger sitzt auf einem Faltstuhl mit hufeisenförmiger Rückenlehne, über die ein Tigerfell drapiert ist. Im Vergleich zu dem Gruppen-Ahnenporträt (s. Bild rechts) strahlt sein Gesicht viel stärkere Lebendigkeit aus. Die individuellen Züge sind durch feine, subtile Schattierungen modelliert, zugleich entspricht die Mimik des freundlichen alten Herrn dem Idealbild eines konfuzianischen Gelehrten. Das Gruppen-Ahnenporträt aus dem späten 19. Jahrhundert zeigt fünf Generationen einer Beamtenfamilie in roten und türkis-blauen, goldverzierten Hofgewändern. Die Männer tragen den offiziellen Beamtenmantel mit Rangabzeichen auf der Brust. Auch die Kappen mit Knäufen aus verschieden farbigen Halbedelsteinen sind Ausdruck ihres Rangs. Die Frauen teilen den Rang ihrer Männer; ihre Kopfbedeckung besteht aus festlichen, mit Eisvogelfedern geschmückten Phönixhauben. Die dargestellten Personen können dem ersten bis sechsten Beamtenrang zugeordnet werden. Offenbar wurde das Mehrgenerationen-Porträt auf der Grundlage älterer Einzelporträts geschaffen. Im Unterschied zu den schematisierten Bildnissen der älteren Generationen wirkt der Herr in der vordersten Reihe rechts sehr realistisch (s. Detailbild), vermutlich entstand die Vorzeichnung für sein Porträt noch zu Lebzeiten oder kurz nach seinem Ableben. In den auf Ahnenporträts spezialisierten Malwerkstätten wurde seriell gearbeitet. Einzelne Maler waren jeweils für die Ausführung bestimmter Versatzstücke oder Details verantwortlich, das eigentliche Porträt wurde zuletzt durch den Meister eingefügt. Ahnenporträts boten keinen Raum für künstlerische Freiheit oder individuelle Interpretation. Im Gegenteil, die konfuzianische Etikette schrieb die Frontalansicht vor, ein nach den Regeln der Physiognomielehre idealisiertes Gesicht und eine ruhige, würdevolle, niemals durch Emotionen gefärbte Pose, die das Individuum in die Sphäre zeitloser Konvention rückte. Zugleich war ein hohes Maß an Naturähnlichkeit gefordert, denn bei zeremoniellen Anlässen, die in der Ahnenhalle stattfanden, sollte der Geist des Verstorbenen sich im Porträt wiedererkennen und darin für die Dauer des Rituals Platz nehmen. Holztäfelchen mit den Namen der Verstorbenen boten den billigeren Ersatz für Porträtbilder.

A. Schlombs