Konfuzianische Kindespietät

Bild der 50. Woche - 13 bis 19. Dezember 2010

Anonymer professioneller Maler, Drei Blätter eines Albums, Tusche und Farben auf Papier, je 26 x 28,5 cm, Ming-Dynastie, spätes 16. bis frühes 17. Jh., Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. A 62
Zweites Blatt des Albums
Drittes Blatt des Albums

Das von dem Gelehrtenbeamten Gao Ming (ca. 1305- ca.1370) verfasste Drama Pipa ji zählt zu den beliebtesten Theaterstücken der Ming-Dynastie. Es geht auf eine Volkserzählung zurück, in welcher der Protagonist Cai Bojie in Verruf gerät, weil er um seiner Beamtenkarriere willen seine Frau und seine Eltern im Stich lässt. In der Fassung des Theaterstücks geht er bei den Beamtenprüfungen als Bester hervor. Er bleibt auf Wunsch des Kaisers in der Hauptstadt und heiratet dort die Tochter des Premierministers Niu. Währenddessen kümmert sich seine erste Frau um die alten Eltern. Nach deren Tod macht sie sich auf den Weg in die Hauptstadt, ihren Mann zu suchen. Sie nimmt ihre Laute mit, um sich unterwegs Geld zu verdienen. Das Drama findet durch ihre glückliche Vereinigung mit Cai Bojie und dessen zweiter Frau ein Happy End. Im Drama, das in der Ming-Dynastie zur obligatorischen Lektüre der gebildeten Elite avancierte, erscheint Cai als Musterbeispiel konfuzianischer Kindespietät und Zhao entspricht dem Ideal der loyalen, tugendhaften Ehefrau. Im Sinne der konfuzianischen Kindespietät befolgt Cai die „Drei Arten des Gehorsams“ (san cong). Er gehorcht seinem Vater, indem er sich den Prüfungen unterzieht, dem Premierminister, indem er dessen Tochter heiratet und dem Kaiser, indem er in der Hauptstadt bleibt. Vater, Premierminister und Kaiser stehen für die drei Instanzen Familie, Regierung und Staat, denen gegenüber er zu Loyalität verpflichtet ist. Cais konstruierte Moral weckt die Sympathie des Lesers und zeigt das innere Dilemma, mit dem die konfuzianische soziale Hierarchie den einzelnen konfrontierte. Dieses Dilemma forderte schmerzliche Kompromisse, die jedoch das Überleben sicherten und sogar Wohlstand innerhalb der gegebenen sozialen Ordnung garantierten. Die hier gezeigten drei Albumblätter (s. Bilder oben und rechts) sind typische Beispiele professioneller Studiomalerei des späten 16. oder frühen 17. Jahrhunderts und illustrieren drei Schlüsselszenen des Dramas. Der Protagonist Cai Bojie ist in allen drei Blättern an seiner unterwürfigen Körperhaltung erkennbar. Auch die Rollen der übrigen Schlüsselfiguren werden durch ihre Posen und Gesten charakterisiert. Die Bildkompositionen sind wie eine Theaterbühne aufgebaut. Das erste Blatt (s. Bild oben) zeigt die Protagonisten Cai Bojie und seine Frau Zhao Wuniang, die anlässlich des Geburtstags des Vaters ihre konfuzianische Kindespietät bezeugen, indem sie die Langlebigkeit der Eltern feiern und ihnen respektvoll mit Süßspeisen und Getränken aufwarten. Die Eltern sitzen auf einem Tagesbett an einem Tisch, den Hintergrund bildet ein monochromes Landschaftsgemälde, das auf den Wohlstand und den hohen sozialen Status der Familie als Angehörige der gebildeten Beamtenelite verweist. Das zweite Blatt (s. Bild rechts) illustriert Cai Bojies Abschied und seinen Aufbruch zu den nationalen Beamtenprüfungen in der Hauptstadt. Lieber würde er seine alten Eltern pflegen und bei seiner Frau bleiben, doch wagt er nicht, sich gegen den Willen des Vaters aufzulehnen. Der Vater hat ihm erklärt, dass es als pietätvoller Sohn seine Pflicht ist, die Prüfungen zu absolvieren, weil dies die Tugend der Eltern unter Beweis stellt und ihnen zur Ehre gereicht. Entsprechend wird die Abschiedsszene von der statischen Figur des Vaters im Hintergrund beherrscht. Rechts von ihm stehen die Frauen, die Mutter tröstet Cai, dessen Körperhaltung Abschiedsschmerz ausdrückt. Das dritte Blatt (s. Bild rechts) stellt die Hochzeit in der Hauptstadt dar, die Premierminister Niu für den vielversprechenden Examensabsolventen Cai Bojie und seine Tochter ausrichten lässt. Cai befindet sich in einem inneren Konflikt, doch wagt er nicht, sich dem Willen des einflussreichen Premierministers zu widersetzen. Dieser steht im Zentrum der Komposition. Seine Tochter ist in ein rotes Hochzeitsgewand gekleidet. Sie wartet darauf, dass der Bräutigam zu ihr auf den Teppich tritt, um die Zeremonie zu vollziehen. Auf der gegenüberliegenden Seite spielt ein Damenorchester. Der Bräutigam im Vordergrund rechts trägt eine rote Beamtenrobe. Trotz der Ermunterungen durch den Heiratsvermittler zögert er, den Hochzeitsteppich zu betreten.

A. Schlombs