Melaten - Ein neuer Friedhof für das katholische Köln

Bild der 26. Woche - 28. Juni bis 4. Juli 2010

Siegel des Leprosenhauses Melaten, Kölnisch, um 1570, Messing mit Holzgriff, Dm. 5,1 cm, Umschrift: SIGILLVM LEPROSORVM EXTRA MVROS CIVITATIS COLONIE (NSIS), Köln, Kölnisches Stadtmuseum
Durch digitale Bildbearbeitung erzeugter Positivabdruck des Siegels

Vor 200 Jahren, am 29. Juni 1810, konnte die Kölner Bevölkerung einen glanzvollen Festzug von der Kirche St. Aposteln am Neumarkt nach Melaten mit einer genau festgelegten Reihenfolge der offiziellen Teilnehmer beobachten. Der neue – katholische – Friedhof vor den Toren der Stadt wurde eingeweiht, die Einsegnung besorgte der Dompfarrer. Sechs Jahre zuvor hatte Napoleon ein Dekret über Begräbnisse erlassen, welches vorschrieb, Tote – wie in Frankreich schon lange üblich – nur noch außerhalb der Gemeinden zu bestatten. Behörden und Religionsgemeinschaften einigten sich auf Melaten als zentralen Ort für katholische Leichen, Protestanten wurden weiterhin vor dem Weyertor auf dem sog. Geusenfriedhof bestattet. Erst die neue Begräbnisordnung von 1829 öffnete Melaten für alle christlichen Konfessionen. In der Bevölkerung gab es Widerstände gegen die neue Friedhofsordnung – man beklagte den Verlust altangestammter Begräbnisplätze bei oder in den Kirchen, andere fanden es geschmacklos, dass Besucher erst den Friedhof passierten, bevor sie die Stadt erreichten. Dabei war Melaten an der Hauptstraße nach Aachen seit dem Mittelalter ein Ort der Ausgestoßenen gewesen (s. BdW 20/2000). Hier lag Köln ältestes und größtes Siechenhaus. „Zu den Maladen“ ist seit 1180 urkundlich belegt. Die Fürsorge für Leprakranke oder „Aussätzige“ oblag im mittelalterlichen Europa den Bischöfen und die ersten europäischen Leprosorien entstanden im Umfeld von Bischofsstädten. Auch Melaten lag ja auf erzbischöflichem Grund. Wichtig war die Lage an einer großen Verkehrsstraße, war man doch auch auf Almosen der Vorbeigehenden angewiesen. Lepra ist eine extrem ansteckende, immer tödlich verlaufende Krankheit, bis ins 20. Jahrhundert und zur Entdeckung geeigneter Medikamente war die Absonderung, das „Aussetzen“, der Kranken der einzige Schutz, daher auch die Bezeichnung „Aussätzige“. Mit dem Bevölkerungswachstum in den Städten stieg auch die Zahl der Leprakranken, nicht zuletzt durch die katastrophalen hygienischen Lebensbedingungen verstärkt. Erst im 18. Jahrhundert verschwand die Lepra aus Europa. Das Siechenhaus Melaten galt als recht wohlhabende Institution, die nur Kranke aufnahm, die durch eigenes Vermögen, Pfründe oder städtische Wohltätigkeit für ihren Lebensunterhalt sorgen konnten. Zum Ende des Mittelalters konnten auch Gesunde gegen eine entsprechende Geldzahlung lebenslangen Unterhalt in Melaten finden und je weniger Leprakranke es gab, umso häufiger waren gesunde Pensionäre dort zu finden. Die Insassenzahlen sind nicht bekannt, man nimmt an, dass im 16. und 17. Jahrhundert durchschnittlich 15 bis 25 Kranke dort lebten. Das Ende für Melaten brachte ein Prozess in Düsseldorf. Die „Große Siechenbande“ hatte die abgelegenen Leprosorien genutzt, um von dort aus ihre Verbrechen begehen zu können. Die passenden Lepraschaubriefe hatte ihnen der Küster von Melaten ausgestellt. 1712 wurden die meisten Bandenmitglieder hingerichtet und im Herrschaftsbereich des Kurfürsten Johann Wilhelm die Leprahäuser geschlossen. Melaten existierte noch bis 1767. Neben Melaten, auf der anderen Seite der Chaussee nach Aachen, hatte der städtische Hinrichtungsplatz gelegen. Dort wurden die Verurteilten, nachdem sie auf dem „Arme-Sünder-Karren“, den das Leprosenhaus stellte, zur Hinrichtungsstätte gebracht worden waren und das Leprosenhaus ihnen einen Schluck Wein gereicht hatte, hingerichtet. Die letzte öffentliche Hinrichtung sah Melaten am 13. Juli 1797, als der Kirchenräuber Peter Eich am Galgen starb. Die Größe und Bedeutung Melatens wurde seit dem 13. Jahrhundert durch ein eigenes Siegel unterstrichen. Dieser hier vorgestellte Siegelstempel stammt aus dem späten 16. Jahrhundert. Er thematisiert die biblische Geschichte des Lazarus: Der arme und aussätzige Lazarus liegt vor der Türe eines reichen Mannes und bittet um die Brocken, die von dessen reicher Tafel herabfallen, was dieser ihm aber verweigert. (Lk 16,31). Auf dem Siegel hält Lazarus durch eine Lepraklapper, wie sie die Kranken mit sich führen mussten, um die Gesunden zu warnen. Es existiert ebenfalls im Bestand des Kölnischen Stadtmuseums auch noch das Typar des kleineren Gegensiegels mit der Darstellung der Lepraklapper.

R. Wagner