‚Erschöpfte Frau‘ oder ‚Pionier mit Horn‘

Bild der 47. Woche - 23. bis 29. November 2009

Aleksandr Rodtschenko, Verein 'Dynamo', 1930 26,5 x 40 cm Köln, Museum Ludwig, Inv.Nr. ML/F 1978/1107 (Stiftung Ludwig)
Aleksandr Rodtschenko, Pionier mit Horn, 1930 37 x 29,5 cm Köln, Museum Ludwig, Inv.Nr. ML/F 1978/1065 (Stiftung Ludwig)

Teil 2 Im letzten Bild der Woche stellten wir Ihnen die Aufnahme „Pionier mit Horn“ von Aleksandr Rodtschenko vor (s. Bild rechts). Nun soll diese auch programmatisch zu verstehende Fotografie in ihren Zusammenhang mit der Russischen Avantgarde gestellt werden. Im Jahre 1927 hatte Rodtschenko geschrieben: „Es ist großartig in den Norden oder nach Afrika auf Expedition zu gehen, dort neue Leute zu fotografieren und neue Dinge, eine neue Natur: Aber was machen sie [..die Reisenden]? Sie fotografieren mit den verräucherten Augen eines Corot und Rembrandt, mit Museumsaugen, mit den Augen der ganzen Kunstgeschichte […]. Überhaupt Afrika. Bleibe zuhause und versuche hier etwas vollständig Neues zu finden," Es waren die besten Jahre der russischen Avantgarde in denen Rodtschenko seine programmatischen Weisungen, die von vielen Zeitgenossen aufgegriffen wurden, formulierte (und noch äußern konnte): „ Um den Menschen zu einem neuen Sehen zu erziehen, muss man alltägliche, ihm wohlbekannte Objekte von völlig unerwarteten Blickwinkeln aus […] zeigen“. „Die Aufnahme einer neu erbauten Fabrik ist für uns nicht einfach die Aufnahme eines Gebäudes. Die neue Fabrik ist nicht einfaches Faktum, sondern ein Faktum des Stolzes und der Freude der Industrialisierung des Landes der Sowjets, und wir müssen herausfinden, ‚wie‘ das zu fotografieren ist. Wir sind verpflichtet zu experimentieren.“ Um diese neue Auffassung zu dokumentieren und die Wahrnehmung der neuen Gesellschaftsordnung neu zu organisieren wies er ausdrücklich der Fotografie eine ganz entscheidende Bedeutung zu. Es galt die ländliche Bevölkerung zu urbanisieren, die Anpassung an das Leben in der Fabrik und den Großstädten voranzutreiben und den modernen Menschen der Sowjetunion gleichsam kulturrevolutionär mit der neuen Zukunft zu versöhnen. Nicht der eigenen Wahrnehmung, nicht den eigenen Sinnen galt es zu vertrauen, sondern dem (Foto-)Apparat, der unbestechlich und objektiv die Realität zu ordnen und zu erklären versprach. Präzisiert sprechen wir über den Zeitraum von 1924, als Lenin starb und Rodtschenko mit der Fotografie begann, bis 1937 als die ‚Erste Allunionsausstellung der Fotokunst‘ im Staatlichen Puschkin-Museum in Moskau eröffnet wurde. Sie gilt als programmatische Neuorientierung auf die Prinzipien des ‚Sozialistischen Realismus‘ nach der neuen Verfassung Stalins von 1936 und als äußerster Endpunkt der avantgardistischen Bewegungen, die allerdings schon seit 1933 einschneidenden Reglementierungen unterworfen waren. Aber nicht nur Rodtschenko, auch viele andere Fotografen haben im gleichen Jahr 1924 zur Kamera gegriffen: Georgij Petrusow begann seine Arbeit als Fotoreporter für Gewerkschaftszeitungen, Iwan Schagin beschäftigte sich mit der Fotografie ab 1924, Arkadij Schajchet wandte sich im selben Jahr dem Bildjournalismus zu und Georgij Sel’ma begab sich nach Taschkent, um dort als Bildberichterstatter zu arbeiten. Maks Al’pert arbeitete ab 1924 für die sowjetische Publikation Rabotschaja Gaseta und der vormalige Lokomotivführer Dimitrij Debabow assistierte in diesem Jahr Sergeij Eisenstein bei den Dreharbeiten zum Film ‚Streik‘, bevor er sich für die Arbeit eines Fotojournalisten entschloss. Boris Ignatowitsch, der später Rodtschenko als zentralen Wegbereiter der sowjetischen Fotografie beschreiben sollte, begann als Fotograf zunächst mit einer Kodak und experimentierte mit einer Voigtländer- Kamera, bevor auch er wie Rodtschenko ab 1929 eine Leica bekam. Enthusiastisch begruessten alle die Ideen der Revolution, und waren entschlossen, die radikale Umgestaltung des Landes aktiv mit ihren Fotoproduktionen als Medium der Dokumentation - zur visuellen ‚Alphabetisierung’ des Volkes – voranzutreiben. Das Wissen über die Fotografie der sowjetischen Avantgarde ist heute so selbstverständlich, dass kaum mehr reflektiert wird, seit wann dieses vitale Kapitel der Mediengeschichte im Westen überhaupt wahrgenommen worden ist. Im Kontext der westlichen Historiographie des Mediums Fotografie tauchte der Name von Aleksandr Rodtschenko erst in den 1970er Jahren auf. Damals wurden seine Fotografien erstmals in Köln, Berlin und Zürich ausgestellt und in Köln und München publiziert, als in der Sowjetunion - auch in den 1970er Jahren noch - die Fotografie der sowjetischen Pioniere als Ausdruck einer ‚formalistischen Richtung’ abgelehnt wurden. Die sowjetische Gesellschaft zerrieb schon in den 1930er Jahren die intellektuelle Avantgarde und damit auch die neue sowjetische Fotografie zwischen erzwungenen individuellen Verdrängungsleistungen und neuen Maßstäben einer diktatorischen Ideologie, der Millionen Menschenleben geopfert wurden.

B. von Dewitz