Vincent van Gogh: Schuhe

Bild der 38. Woche - 21. bis 27. September 2009

Detail von Vincent van Gogh Ein Paar Schuhe, 1886 Öl auf Leinwand, 37,5 x 45 cm Van Gogh Museum; Amsterdam
Vincent van Gogh Ein Paar Schuhe, 1886 Öl auf Leinwand, 37,5 x 45 cm Van Gogh Museum; Amsterdam

Teil 2. Ein denkwürdiges Gemälde. Anlässlich der Ausstellung „Vincent van Gogh: Schuhe. Ein Bild zu Gast“ im Wallraf-Richartz-Museum wird bis zum 15. Oktober ein einziges Gemälde im Fokus dieser Rubrik stehen: Vincent van Goghs „Schuhe“. Dieser zweite Beitrag, der insgesamt vier Teile umfassenden Serie, soll eine erste Annäherung an das Bild selbst ermöglichen. Glaubt man einem Brief Vincent van Goghs an seinen Bruder Theo, so war es ein Stillleben auf dem „ein altes Paar Holzschuhe und andere Gegenstände“ zu sehen waren, welches zu seinen ersten Versuchen in Öl zählte, die er als Schüler von Anton Mauve Ende 1881 in Den Haag unternahm. In den darauf folgenden Jahren schuf er eine ganze Reihe von Stillleben, in denen unter anderem Holz- oder Lederschuhe zentrales Motiv sind. Dass van Gogh das Schuhthema wählte war nicht unbedingt abwegig. Er komponierte häufiger Stillleben mit unkonventionellen Gegenständen. Die Wahl des Schuhmotivs könnte zum Teil eine Hommage an das Werk eines seiner großen Vorbilder, dem Maler Jean-François Millet, gewesen sein, von dem van Gogh wusste, dass er die Angewohnheit hatte, Freunden Zeichnungen seiner Holzpantinen zu schenken. Wie bei Millet und anderen Künstlern standen Schuhe bei van Gogh auch für ein Bekenntnis zu den einfachen Dingen des Alltags und lassen sich als Verweis auf das Leben von Bauern und Arbeitern lesen. Die „Schuhe“, denen im Laufe der Jahre eine ganz besondere Aufmerksamkeit widerfahren würde, malte van Gogh wahrscheinlich zwischen September und November. Zu diesem Zeitpunkt war er gerade von Antwerpen nach Paris übergesiedelt. Das Gemälde zeigt zwei Schuhe, etwa in Originalgröße gemalt. Ihre Kappen zeigen in Richtung des Betrachters. Alt und abgetragen sehen diese Schuhe aus, ihre dunkle Masse erhebt sich vor dem helleren Hintergrund. Sie werden von Schnürsenkeln zusammengehalten, deren lose Enden rechts unten am Boden einen offenen Kreis formen. Der Schaft des einen Schuhs steht aufrecht, während der des anderen nach außen umgeschlagen ist und dem Betrachter so einen Einblick in das dunkle Innere bietet. Der Farbauftrag wirkt grob, wobei das enge Spektrum der Palette von dunklen Brauntönen bis hin zu einem hellen Creme reicht. Die Umgebung, in der sich die dicht bei einander stehenden Schuhe befinden, ist nicht näher zu bestimmen. Die Lichtverhältnisse sind unklar, Schatten und Lichteffekte widersprechen sich. In diesem Bild ist einiges ungewiss. Von Vincent van Gogh selbst ist nichts Schriftliches zu dem Gemälde überliefert. Er hat ihm noch nicht einmal einen Titel gegeben. Weil er zur Entstehungszeit des Bildes mit seinem Bruder Theo zusammenlebte, kann auch der sonst so rege Briefwechsel zwischen den Brüdern nicht als Quelle hinzugezogen werden. Nicht zuletzt aufgrund dieser vagen Informationslage ist es kaum verwunderlich, dass die Deutungsgeschichte von großen Differenzen geprägt ist. In der nächsten Woche wird genau dies zum Thema des dritten Teils der Serie zu van Goghs „Schuhen“ werden.

A. Lorenz