Vincent van Gogh: Schuhe

Bild der 40. Woche - 5. bis 11. Oktober 2009

Die Schuhe van Goghs im philosophischen Blick: Vincent van Gogh Ein Paar Schuhe, 1886 Öl auf Leinwand, 37,5 x 45 cm Van Gogh Museum; Amsterdam. Foto: Thomas Klinke
Das Bild in der aktuellen Ausstellung: Schreiben auch Sie Ihren Beitrag. Foto: Thomas Klinke

Teil 4. Fragen und kein Ende Anlässlich der Ausstellung „Vincent van Gogh: Schuhe. Ein Bild zu Gast“ im Wallraf-Richartz-Museum wird bis zum 15. Oktober ein einziges Gemälde im Fokus dieser Rubrik stehen: Vincent van Goghs „Schuhe“. Dieser vierte und letzte Beitrag der Serie beschäftigt sich mit Jacques Derridas Eintritt in die Debatte und fragt: Wo stehen wir jetzt? Zehn Jahre nach Meyer Schapiros Reaktion auf Heidegger tritt im Jahr 1978 Jacques Derrida in die Diskussion um van Goghs „Schuhe“. In seinem Aufsatz „Restitutionen. Von der Wahrheit nach Maß“ analysiert der französische Philosoph nicht nur Heideggers und Schapiros Auslegungen des Gemäldes, sondern beleuchtet auch akribisch die Art und Weise der Debatte. Mit dem Streit zwischen Schapiro und Heidegger sieht sich Derrida einem Textpaar, beinahe einer Korrespondenz auf Distanz gegenüber. Zum Einstieg in diese wählt er die Form des Polylogs, eines verschachtelten Gesprächs mit mehreren Teilnehmern, in der er sich selbst, als auch den Dialog zwischen Schapiro und Heidegger ständig unterbricht und neue Fragen aufwirft. Spielerisch entlarvt Derrida die Beweggründe für die verschiedenen Argumentationen und stellt dabei fest: Offenbar hat keiner der beiden das Bild genau betrachtet. Zeigt das Gemälde ein Paar oder zwei einzelne Schuhe? Handelt es sich um ein Paar oder um ein paar Schuhe? Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass keine eindeutige Antwort auf diese Frage zu geben ist. Es lässt sich nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es sich um einen rechten und einen linken Schuh handelt oder um zwei linke. Sehen wir gar denselben Schuh in zwei unterschiedlichen Momentaufnahmen? Und Derrida geht noch einen Schritt weiter: Aus welcher Veranlassung gingen sowohl Heidegger, als auch Derrida über diese und andere Unklarheiten hinweg, warum errichteten Sie derart bestimmte Deutungsgebäude auf so unsicherem Grund? Sind Ihre Positionen etwa lediglich durch ihre eigenen Biographien motiviert? Derrida nimmt sich der Debatte an, versucht sich dabei jedoch nicht an der Formulierung einer Synthese aus beiden Positionen, sondern bringt das Argumentationsgeflecht in Bewegung, indem er scheinbare Selbstverständlichkeiten hinterfragt. Am Ende scheint nur noch eines klar: Gewissheit bieten die „Schuhe“ nicht. Der Kunsthistoriker Geoffrey Batchen führt in seiner anlässlich der Ausstellung erschienenen Publikation (s. Text rechts) alle drei Positionen gleichberechtigt zusammen. Er zieht eine Parallele zwischen der Debatte um van Goghs „Schuhe“ und der Entwicklung in der Kunstgeschichte: Das Ziel der Betrachtung von Kunst liegt fortan nicht mehr in einer Offenbarung der Wahrheit, sondern viel mehr im, wie van Gogh meinte, „Suchen danach, wahr zu machen“. Im Jahr 1886 für einen unbekannten Zweck gemalt, haben die „Schuhe“ laufend neue Bedeutungen auf sich gezogen und begegnen uns heute mit einem gewaltigen Überbau faszinierender Möglichkeiten. Nur die Zeit weiß, was sie als Nächstes bedeuten werden. Und welche Diskurse sie in Zukunft noch anstoßen werden. Wenn auch Sie Anteil an diesem Diskurs nehmen möchten, dann sind sie herzlich eingeladen, die aktuelle Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud zu besuchen.

A. Lorenz