Vincent van Gogh: Schuhe

Bild der 37. Woche - 14. bis 20. September 2009

Vincent van Gogh Ein Paar Schuhe, 1886 Öl auf Leinwand, 37,5 x 45 cm Van Gogh Museum; Amsterdam

Teil 1. Was für Schuhe? Anlässlich der Ausstellung „Vincent van Gogh: Schuhe. Ein Bild zu Gast“ im Wallraf-Richartz-Museum wird im Laufe der nächsten vier Sequenzen im „Bild der Woche“ ein einziges Gemälde im Fokus dieser Rubrik stehen: Vincent van Goghs „Schuhe“. 1886 in Paris entstanden, im Laufe der Zeit oft als Studie eingeordnet, bildet es die Grundlage für eine mittlerweile fast einhundert Jahre währende Debatte. Bis heute streiten Kunsthistoriker und Philosophen über nicht weniger als das, was die Funktion von Kunst eigentlich ist, welchen Nutzen die Interpretation bringen kann, ja selbst was das Dasein des Menschen ausmacht. Die Wortführer der Debatte: Martin Heidegger, Meyer Schapiro und Jacques Derrida. Es ist nicht zuletzt der Aufmerksamkeit dieser drei Größen der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts zu verdanken, dass dieses auf den ersten Blick unscheinbare Gemälde zu einem der bedeutendsten Werke der Kunstgeschichte geworden ist. „Was für Schuhe? Was, Schuhe? Wessen Schuhe sind es? Woraus sind sie? Und sogar, wer sind sie?“ Diese Fragen stellt der französische Philosoph Jacques Derrida in seinem 1978 erschienenen Aufsatz über das Bild und dessen Geschichte. Derrida ist mittlerweile selbst zum Teil dieser Geschichte geworden. Und seine Fragen sind heute genauso unbeantwortet wie vor 40 Jahren. Die erste Replik erfahren die „Schuhe“ Mitte der 1930er Jahre in einer Vorlesungsreihe des deutschen Philosophen Martin Heidegger. Am Beispiel der „Schuhe“ stellt er die Frage nach Ursprung und Wesen des Kunstwerks. Nachdem er im Jahr 1950 seine Gedanken veröffentlicht hatte, kommt es 1968 zu einer heftigen Reaktion des US-amerikanischen Kunsthistorikers Meyer Schapiro. Er wirft Heidegger vor, das Gemälde ohne jede kunstwissenschaftliche Methodik analysiert zu haben. Schapiro zieht sodann ein ganz anderes Fazit: Diese „Schuhe“ sind für ihn autobiographisch zu verstehen, als ein Selbstporträt van Goghs. Zehn Jahre später ist es dann Jacques Derrida, der die Motivationen dieser beiden grundverschiedenen Positionen aufdeckt. Er kommt zu dem Schluss, dass Heidegger und Schapiro in ihrer jeweiligen Sicht auf das Bild durch ihre eigene Biographie bestimmt worden seien. Die unterschiedlichen Positionen der beiden Interpreten stützten sich seiner Meinung nach vor allem auf die Frage, wem diese gemalten Schuhe gehörten. Derrida unterwandert die Argumentationsweisen beider, sowohl die des Philosophen als auch die des Kunsthistorikers. Er zieht der Frage selbst den Boden unter den Füßen weg und eröffnet völlig neue Blicke auf das Bild. Das Ergebnis: Es scheint mehr Unklarheiten zu geben als je zuvor. Im nächsten „Bild der Woche“ wird es um die kunsthistorischen Fragen zu diesem Gemälde gehen.

A. Lorenz