Präzision in Silber

Bild der 45. Woche - 9. bis 15. November 2009

Alexander Beckers, Bildnis eines Ehepaares Daguerreotypie in Union-Case (thermoplastisches Kästchen); New York ca. 1855, Museum Ludwig / Agfa Photo-Historama, FH 187
Frederick P. Goll, Vorderseite des Kästchens mit der Darstellung des Washington-Monumentes (thermoplastisches Material)

Im Rahmen der digitalen Erfassung des Bestandes im Agfa Photo-Historama, kommt es zu einer reizvollen Verbindung der frühesten fotografischen Technik mit der jüngsten Methode zu deren Aufzeichnung. Daguerreotypien gehören zu den Inkunabeln der Fotografie und erlebten in ihrer kurzen Periode der Anwendung, in einer Zeit von ca. 20 Jahren, eine technische und künstlerische Blüte und veränderten die Sehgewohnheiten der Menschen schlechthin. Bemühungen die Sonne einzufangen bzw. die Natur abzubilden gehen zurück bis in die Antike. Fototechnische Versuche gab es bis dahin viele, dennoch gilt in der Geschichte der Fotografie ein Datum als der Beginn dieser Ära. Am 19. August 1839 wurde in der Pariser Akademie der Wissenschaften und Künste das Verfahren zur Herstellung von Fotografien bekanntgegeben. Als Erfinder gelten die beiden Franzosen Nicéphore Niépce und Louis Daguerre. Als Ehrung für letzteren wurde sie nach ihm benannt: Daguerreotypien. Zur ihrer Herstellung benutzte man versilberte Kupferplatten, die mit Jod bedampft und somit lichtempfindlich gemacht wurden. Nach deren Belichtung wurden diese Platten Quecksilberdämpfen ausgesetzt. Das Resultat war ein positiv erscheinendes Bild, das abschließend mit unterschwefligsaurem Natron lichtbeständig gemacht wurde. Dabei wurden direkt die Schwächen zu anderen Verfahren aufgezeigt. Die Bilder waren einmalig und ließen keine weiteren Vervielfältigungen zu wie es das Negativ-Positiv Verfahren möglich macht. Zudem müssen die Platten luftdicht abgeschlossen und durch eine Glasplatte geschützt sein. Oxidation und die Gefahr des Verwischens der zarten Oberfläche konnte nur so verhindert werden. Dennoch war die Begeisterung für diese Erfindung so groß, daß zunächst nur die Vorteile zählten. Hierbei hat kein Land so schnell, so begeistert und vor allem so andauernd die Daguerreotypien für sich entdeckt, wie die Vereinigten Staaten. Als in anderen Ländern sich bereits die neuen fototechnischen Verfahren durchsetzten, blieben sie diesen silberglänzenden Platten noch länger verbunden. Das hier vorgestellte Beispiel des Museum Ludwig/Agfa Photo-Historama stammt von Alexander Beckers aus den USA: Es zeigt das Kniestück eines sitzenden Ehepaares in bürgerlich städtischer Kleidung. Einander zugewandt blicken beide nach rechts aus dem Bild. Sie halten sich bei der Hand, wobei die Finger ineinander verschlungen sind. Der Mann überragt deutlich seine Frau. Das Tageslicht fällt gedämpft von oben und von der Seite auf die Abgebildeten und verleiht ihnen eine Ausstrahlung von würdevoller Ruhe. Die Geste der ineinandergelegten Hände geht ikonographisch auf den Topos des Eheschließungsbildes zurück. In der Emblemliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts wird sie als Symbol von ehelicher Treue und Liebe gedeutet. Beckers verzichtet bei seiner Aufnahme auf eine Kolorierung oder das zu seiner Zeit vielfältig vorhandene Angebot an Studioausstattung. Weder die obligatorische Pappmachésäule, noch der Tisch mit Blumendekoration, noch das Buch. Vor neutralem Hintergrund ist einzig der geschnitzte Stuhlrücken hinter der Frau und eine Blüte in ihrer linken Hand zu erkennen. Die dunkel gehaltene Kleidung hebt die ruhige und würdevolle Synchronizität des Blickes und die Geste der beiden Eheleute hervor. In Art und Darstellung ihres bürgerlichen Selbstverständnisses erinnert diese Aufnahme an Ehepaarbildnisse der Niederlande im 17. Jahrhundert wie sie z.B. Frans Hals oder Pieter Codde schufen. In dieser Zeit erlebten die Niederlande eine Blüte von bürgerlichem Wohlstand und künstlerischer Kreativität. Vergleichbar erlebten die USA in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen rasanten Aufschwung von technischer und industrieller Entwicklung. Das neue Medium der Fotografie schien hierfür die künstlerische Entsprechung zu sein. Es war ein industrielles Produkt von großer Präzision und in jeder Hinsicht demokratisch, da es für jeden bezahlbar war. Das Konterfeien durch einen Zeichner oder Maler, was bisher einer kleinen Oberschicht vorbehalten war, ermöglichte nun dies einer großen Bevölkerungszahl Ähnliches durch einen Gang zum Daguerreotypisten. New York war hierfür das Zentrum und der Kern davon der Broadway. "The O.K. thing on Saturday is walking down Broadway". Diese Zeilen eines Schlagers dieser Zeit erklärt, warum Alexander Beckers sich mit 36 weiteren Berufskollegen in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts am Broadway niederließ. Es war der Treff- und Mittelpunkt der Stadt. Daß es sich bei der Aufnahme Beckers dennoch nicht um ein Massenprodukt handelt, zeigt seine sorgfältige Auswahl bei Komposition, Beleuchtung und Ausschnitt. Durch diese Studie gelingt es ihm einen lebendigen Spiegel seiner Zeit zu schaffen. Präsenz und zugleich Zeitlosigkeit in der Darstellung des Ehepaares vermittelt dem Betrachter eine Ahnung der Begeisterung für Daguerreotypien vor knapp 150 Jahren. Eine Auswahl des Bestandes an Daguerreotypien befindet sich in der Ständigen Sammlung des Museum Ludwig/Agfa Photo-Historama

K. Rodrian