Vincent van Gogh: Schuhe

Bild der 39. Woche - 28. September bis 4. Oktober 2009

Es sind keine Erdklumpen zu erkennen! Detail aus Vincent van Gogh, Ein Paar Schuhe, 1886
Vincent van Gogh Ein Paar Schuhe, 1886 Öl auf Leinwand, 37,5 x 45 cm Van Gogh Museum; Amsterdam

Teil 3. Zwischen Philosophie und Kunstgeschichte Anlässlich der Ausstellung „Vincent van Gogh: Schuhe. Ein Bild zu Gast“ im Wallraf-Richartz-Museum wird bis zum 15. Oktober ein einziges Gemälde im Fokus dieser Rubrik stehen: Vincent van Goghs „Schuhe“. Dieser dritte Beitrag, der insgesamt vier Teile umfassenden Serie, soll die beiden grundverschiedenen Positionen des deutschen Philosophen Martin Heidegger und des US-amerikanischen Kunsthistoriker Meyer Schapiro beleuchten. Es ist das Jahr 1935, als Martin Heidegger Vincent van Goghs „Schuhe“ in einer seiner Vorlesungen an der Universität Freiburg zum Thema macht. Einige Jahre später veröffentlicht er diese Vorlesung als Teil eines längeren Aufsatzes unter dem Titel „Der Ursprung des Kunstwerkes“. Heidegger hatte das Bild 1930 in einer Überblickausstellung zu van Goghs Werk in Amsterdam gesehen. Seine Beschäftigung mit der Kunst im Allgemeinen und van Gogh im Speziellen findet dabei im unmittelbaren Kontext zu seiner, im Rahmen von „Sein und Zeit“ formulierten, Frage nach dem Wesen der Existenz statt. Mittels eines komplizierten Gedankenganges kommt Heidegger zu dem Schluss, dass das Werk und der Künstler sich faktisch gegenseitig hervorbringen. In Anbetracht dieser produktiven Wechselbeziehung entschließt sich Heidegger, das Wesen der Kunst an sich aus der genauen Untersuchung eines einzelnen Kunstwerks herzuleiten. In diesem Zusammenhang verweist der Philosoph auf „ein bekanntes Gemälde von van Gogh“, das in seinen Augen „ein paar Bauernschuhe“ zeigt. Für ihn steht fest: „Die Bäuerin auf dem Acker trägt die Schuhe“. Heidegger macht sich dabei nicht die Mühe, seine Zuschreibung der Schuhe an eine Frau, genauer die Bäuerin, zu belegen. Im Gegenteil, er gibt sogar zu, dass im Bild keine Erdklumpen oder andere Hinweise auf einen Einsatz im Feld zu finden sind. Dennoch geht er bei der Interpretation des Bildes weit über die sichtbaren Grenzen des Werks hinaus. Genau dies ist der Grund für einen Reaktion des Kunsthistorikers Meyer Schapiro. In seinem Aufsatz „The Still Life as Personal Object: A Note on Heidegger and van Gogh“ veröffentlich er im Jahr 1968 eine direkte Gegenrede zu Heideggers Aufsatz. Schapiro spricht dem Philosophen dabei jede kunstwissenschaftliche Methode ab. Seiner Meinung nach dient das Gemälde für Heidegger lediglich als Vehikel für sein philosophisches Konzept. Heidegger schenke den spezifischen Merkmalen des Gemäldes kaum Beachtung. Seine Sicht sei als Schrift zwar beeindruckend, dennoch aber ein „Irrtum“ und „von dem Bild selbst nicht gestützt“. In Heideggers Interpretation erkennt Schapiro nur eine Projektion, die „in seiner sozialen Landschaft, mit ihrem schweren Pathos des Ursprünglichen und Bodenständigen, gegründet ist“. Schapiro selbst kommt nach einigen Überlegungen zu dem Schluss, dass diese „Schuhe“ biographisch zu verstehen seien und demnach als Selbstportrait van Goghs gedeutet werden müssten. So unterschiedlich die Positionen der beiden Wissenschaftler scheinen. Sowohl Heidegger, als auch Schapiro versuchen eine Zuschreibung der „Schuhe“, sie sehen sie als Stellvertreter einer fehlenden Person. Sie suchen dabei nach einem Besitzer. Diese Suche ist zentrales Thema bei Jacques Derrida, dessen Kommentar die Kontroverse zwischen Heidegger und Schapiro unter ganz neuen Prämissen beleuchtet. Dies zum wird Thema des vierten und letzten Teils dieser Serie.

A. Lorenz