‚Erschöpfte Frau‘ oder ‚Pionier mit Horn‘

Bild der 46. Woche - 16. bis 22. November 2009

Aleksandr Rodtschenko, Pionier mit Horn, 1930 37 x 29,5 cm Köln, Museum Ludwig, Inv.Nr. ML/F 1978/1065 (Stiftung Ludwig)

Teil 1: Das Bild Ein Schlüsselbild des russischen Künstlers und Fotografen Aleksandr Rodtschenko ist diese Fotografie ‚Pionier mit Horn’. Sie veranschaulicht die neue gestalterische Programmatik Rodtschenkos und stand gleichzeitig im Mittelpunkt der Angriffe auf den bedeutendsten Fotografen der sowjetischen Avantgarde, denn die feindlich gesinnten Redakteure der Zeitschrift ‚Sowjetische Fotografie‘ bezichtigten Rodtschenko angesichts dieser Aufnahme des Formalismus. Sie kritisierten dies Bild des Pioniers, um den Fotografen selbst zu denunzieren. Ein Autor schrieb: “Ich habe diesen Pionier einem neunjährigen, sehr entwickelten Mädchen gezeigt, um zu erfahren, wie es reagieren wird. Der erste Eindruck: ‘Das ist so ein dickes rasiertes Onkelchen. Er liegt da und sie gießen ihm Wasser durch ein Röhrchen in den Mund‘. Als sie den Text unter dem Bild gelesen hatte, war sie sehr erstaunt: ‘Wie kann der denn spielen? Warum hat man ihn so aufgenommen? Das ist doch nicht richtig!“ Die Aufnahme wurde als völlig unzulässige Darstellung der jungen Generation dargestellt und als Verzerrung der Klasse der Pioniere abgewiesen. „Pioniere blasen nicht einfach auf der Trompete, sondern sie holen auch die Ernte ein. Rodtschenkos Pionier sieht eher wie eine ‚erschöpfte Frau‘ aus, und die Pioniere haben etwas gegen eine solche Darstellung ihrer Organisation“ ließ man verlauten. Anschauliche Äußerungen von Aleksandr Rodtschenko, die seine Intentionen belegen, sind leicht den vielen Dokumenten der 1920er Jahre zu entnehmen, denn immer beweisen seine Texte eindrucksvoll, mit welchem emphatischen Anspruch, welcher Kraft und welcher Überzeugung er argumentierte, um die großen speziellen Aufgaben der Fotografie für die Gestaltung des neuen gesellschaftlichen Lebens der Sowjetunion darzulegen und Taten anzumahnen. So schrieb er 1927: „Es ist großartig in den Norden oder nach Afrika auf Expedition zu gehen, dort neue Leute zu fotografieren und neue Dinge, eine neue Natur: Aber was machen sie [..die Reisenden]? Sie fotografieren mit den verräucherten Augen eines Corot und Rembrandt, mit Museumsaugen, mit den Augen der ganzen Kunstgeschichte […]. Überhaupt Afrika. Bleibe zuhause und versuche hier etwas vollständig Neues zu finden," Im nächsten Bild der Woche wenden wir uns allgemeiner der russischen Avantgarde-Fotografie zu.

B. von Dewitz