Die Jüdische Gemeinde in Köln

Bild der 36. Woche - 7. bis 13. September 2009

Cöln a. Rh., Königsplatz mit Synagoge Dr. Trenkler & Co., Leipzig, Postkarte Nr. 54 8,7 x 13,7 cm Kölnisches Stadtmuseum – Graphische Sammlung
Bundeskanzler Adenauer bei der Festansprache anlässlich der Einweihung der Synagoge Roonstraße am 20. September 1959 (Repro aus „Juden in Köln“, 1984)

Neubeginn vor fünfzig Jahren Am übernächsten Sonntag vor fünfzig Jahren, also am 20. September 1959, wurden die wieder aufgebauten Synagoge und das angeschlossene Jüdischen Kulturzentrum in der Roonstraße in Anwesenheit von Bundeskanzler Konrad Adenauer feierlich eröffnet (s. Bild rechts). Nach anfänglichen Überlegungen, das ganze Gelände abzuräumen und gänzlich neu zu bebauen – wie mit der Oper am Habsburgerring geschehen –, war beschlossen worden, die Fassade zu erhalten und im alten Stil zu ergänzen. Besonders Adenauer, der als Kölner Oberbürgermeister Ende Mai 1945 die Rückholung von 150 überlebenden Kölner Juden aus dem Konzentrationslager Theresienstadt organisiert hatte, setzte sich entschieden für einen Wiederaufbau ein. So präsentiert sich die Synagoge bis heute als ein wuchtiger, von der Straße um einen Vorhof zurückgesetzter Bau mit mächtigem Vierungsturm, wie auf dieser Postkarte aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts zu sehen. Das Innere erhielt eine neue Aufteilung: Auf der Höhe der Frauenemporen wurde eine Zwischendecke eingezogen, so dass man im Geschoss darunter Raum für einen Gemeindesaal gewann. An der Form des Synagogenraums änderte der Architekt wenig, doch verzichtete er konsequent auf die Wiederherstellung der neoromanischen Gliederungen und Ornamentierungen, was einen strengen, modernen Eindruck hervorruft. Verantwortlicher Architekt für den Wiederaufbau war Helmut Goldschmidt (Köln 1918–2005 ebd.). Dieser war in Köln aufgewachsen, musste als Jude auf Druck der Schulleitung jedoch 1935 das Gymnasium ohne Abschluss verlassen und konnte darum nicht Architektur studieren. Er hörte Vorlesungen unter falschem Namen und bildete sich bei freien Architekten weiter, bis er im November 1942 verhaftet und zunächst nach Auschwitz, dann nach Buchenwald deportiert wurde. Nach seiner Befreiung ließ er sich im Mai 1945 als Architekt in Mayen in der Eifel nieder. Sein erster großer Auftrag war 1948 der Wiederaufbau des „Israelitischen Asyls“ in Köln-Ehrenfeld. 1950 siedelte er nach Köln über, wo er bis 1954 mit O. M. Ungers zusammenarbeitete. Goldschmidt baute in der Folgezeit Synagogen und Gemeindezentren in Koblenz, Dortmund, Bonn, Münster, Wuppertal und Mönchengladbach, aber auch zahlreiche Privathäuser und Firmenbauten stammen aus seiner Planung. Daher lag es nahe, ihn 1957 mit dem Wiederaufbau der großen Kölner Synagoge zu beauftragen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die räumliche Verteilung der jüdischen Bevölkerung im Kölner Stadtgebiet verändert; viele Juden zogen in die Neustadt. Dies und die unzureichende Kapazität der Synagoge Glockengasse ließen Pläne für den Bau einer größeren Synagoge in der seit 1881 errichteten Neustadt heranreifen. Als Ort wählte man den Königsplatz (ab 1923: Rathenauplatz) in einem repräsentativen gutbürgerlichen Viertel. Sie wurde 1895–1899 durch Emil Schreiterer (1852–1923) und Bernhard Below (1854–1931) im neoromanischen Stil errichtet. Die große, am 22. März 1899 eingeweihte Synagoge, mit 800 Sitzplätzen für Männer, 600 für Frauen und einer Orgel, war fast vier Jahrzehnte das Zentrum des liberalen Kölner Judentums. Sie wurde beim Novemberpogrom am 9. November 1938 zerstört. Am 29. April 1945 feierten 300 Überlebende und Vertreter der Alliierten unter Leitung eines amerikanischen Feldrabbiners erstmals wieder einen Gottesdienst in den Ruinen. Im Anschluss daran gründeten achtzig Männer und Frauen die Kölner Synagogen-Gemeinde wieder. Das erste Gemeindezentrum mit einer kleinen Synagoge entstand wenig später in den Restgebäuden des „Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache“ in der Ottostraße in Köln-Ehrenfeld. Die Großstadt Köln hatte damit nur noch eine statt ehemals sechs Synagogen. In den ersten Nachkriegsjahren schufen die wenigen Juden, die in Köln überlebt hatten, die Männer und Frauen, die im Sommer 1945 aus den Konzentrationslagern nach Köln zurückgeholt worden waren und die vor erneuter Diskriminierung in Osteuropa flüchtenden Juden ein reges Gemeinschafts- und Vereinsleben in der Gemeinde. Bis zum Ende der 1950er Jahre war die Gemeinde wieder auf 1200 Mitglieder angewachsen.

R. Wagner