Dodo in Blau

Bild der 7. Woche - 16. bis 22. Februar 2009

Ernst Ludwig Kirchner Weiblicher Halbakt mit Hut, 1911 Öl auf Leinwand, 76 x 70 cm Köln, Museum Ludwig, ML 76/2752

Der bedeutendste deutsche Beitrag zur Entwicklung der Kunst im 20. Jahrhundert war der Expressionismus. Die Kunstströmung, deren Bezeichnung vom Lateinischen „expressio“ (Ausdruck) stammt, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland geboren. Der Expressionismus lässt sich nur schwer auf gemeinsame Stilmerkmale reduzieren. Gemein war den expressionistischen Künstlern aber ihre antiakademische und antibürgerliche Haltung. Sie wendeten sich gegen den nachahmenden Charakter der akademischen Kunst und das arrivierte Künstlertum. Stattdessen bauten sie auf Neuerer wie Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Edvard Munch und James Ensor. Zudem hegten sie eine große Bewunderung für die primitiven Formen der afrikanischen und ozeanischen Kunst. Nicht die äußere Erscheinung abzubilden, sondern dem eigenen Empfinden einen Ausdruck zu verleihen, war ihr erklärtes Ziel. Dies führte zu einer radikalen Erneuerung der künstlerischen Gestaltungsmittel. Die Farbe wurde von ihrer beschreibenden Funktion des Gegenstandes befreit, der Pinselauftrag summarisch und bewegt, die Formen oftmals deformiert und die Perspektive verzerrt. Die faktische Geburtsstunde des Expressionismus ging mit der Gründung der Künstlervereinigung „Brücke“ in Dresden 1905 einher. Fünf junge Studenten – Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Fritz Bleyl und Karl Schmidt Rottluff – fanden während des Architekturstudiums in der Dresdner Hochschule zusammen. Keiner von ihnen verfügte über eine malerische Ausbildung. Das älteste Mitglied war gerade einmal 25 Jahre alt. Ohne künstlerisches Programm, aber mit dem festen Glauben an einen Umsturz der tradierten künstlerischen Werte beabsichtigten sie einen „Brückenschlag“ zu neuen Ufern. Die Kunst der „Brücke“ gliedert sich in zwei Phasen: die Dresdner und die Berliner Jahre. Während der Dresdner Zeit arbeiteten die Künstler hauptsächlich an Aktdarstellungen in der freien Natur. Anders als in den Akademien legten sie bei der Portrait- und Aktmalerei Wert auf die Spontaneität des Ausdrucks. Sie verzichteten auf „Berufsmodelle“ und wählten statt¬dessen Menschen aus ihrem Umfeld. Mit rascher Pinselführung erfasste Kirchner in diesem Bild seine Dresdner Freundin Doris Große, genannt Dodo. Sie trägt einen violetten Hut und ein helles, leichtes Kleid, das hinabzugleiten droht. Ihre Brust ist bereits entblößt und nur die ausgestellten Ellenbogen verhindern, dass das Kleid gänzlich hinabrutscht. Während ihr Blick hinter dem weit ausgreifenden Hut weitgehend verborgen bleibt, steht der enthüllte Körper im Zentrum der Komposition. Das Werk konzentriert sich auf den Akt; das Porträthafte tritt dahinter zurück. Bei ihrer Akt- und Porträtmalerei legten die Maler der „Brücke“ Wert auf die Wiedergabe des spontanen Ausdrucks. Deswegen ließen sie ihre Modelle regelmäßig nicht länger als eine viertel Stunde in einer Pose verharren. Dadurch zwangen sich die Künstler zugleich sich bei der Widergabe auf das Wesentliche zu beschränken. Körperformen und Gesichtszüge bildeten sie in vereinfachten konturierten Formen ab; die Farbe trugen sie rasch auf. Die Spontaneität der festgehaltenen Situation fand so in ihrer Malweise eine Entsprechung. Gerade bei Kirchner sollte der Umzug nach Berlin im Jahr 1911 eine deutlich sichtbare Änderung von Sujet und Malweise bringen. Nun findet die Hektik der Stadt ihren Ausdruck in der schrillen Farbigkeit, den spitzkantigen Formen und den nervösen Pinselstrich. Bereits im Jahr 1913 löste sich die Gemeinschaft auf.

P. Malavassi