Weihnachtsvision

Bild der 51. Woche - 22. bis 28. Dezember 2008

Meister der Verherrlichung Mariä Die Verherrlichung Mariae mit den Heiligen Brigida, Ursula, Barbara, Magdalena, Katharina, Johannes der Täufer und anderen, um 1470 Eichenholz, 163 x 197 cm Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Inv.-Nr. WRM 0119
Detail: Kaiser Augustus und die Sibylle von Tibur

Die älteste Beschreibung der 10 oder 12 nach ihrer Herkunft benannten antiken Sibyllen stammt von dem griechischen Philosophen Heraklit (um 500 v. Chr.). Seinen Worten nach sprachen diese Seherinnen ihre prophetischen Sätze nicht als Antwort auf eine ihnen gestellte Frage, sondern riefen "Ungedachtes und Ungeschminktes und Ungesalbtes .. getrieben von Gott". Eine kleine Seitenbemerkung des Kirchenvaters Augustinus (354 - 430) in seinem Werk "Der Gottesstaat", bei welchem er die Sibyllen als Zeugen gegen die heidnische Götterwelt zitierte, machte den Einzug dieser Seherinnen auch in die christliche Welt möglich. Während die Propheten im Kontext des jüdischen Glaubens auf die Ankunft des Erlösers hinweisen, sind die Sibyllen seine Zeugen in der heidnischen Welt. Auch wenn Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle die wohl berühmteste Darstellung der Sibyllen schuf, so stellen diese jedoch keine "Wiederentdeckung" der Renaissance dar, sondern sind auch in der Kunst des Mittelalters präsent, etwa auf dem Genter Altar der Gebrüder van Eyck oder dem "Bladelin-Altar" Rogier van der Weydens. Die hier gezeigte Tafel der Verherrlichung Mariens zeigt als Hauptthema – wie Thomas Blisniewski erstmals feststellte - die Vision Mariens in der Weise, wie sie die Legenda Aurea dem Küster von St. Peter in Rom zuschreibt: Der mit strahlender Krone geschmückten Jungfrau folgt eine unzählbare Schar von Jungfrauen (im Bild links, angeführt von den Heiligen Birgitta, Ursula, Barbara, Magdalena und Katharina). Dann nähert sich einer mit einem Gewand aus Kamelhaaren (Johannes der Täufer, der hier auf das Lamm weist), dem eine große Schar ehrwürdiger Greise folgt (erkennbar sind Petrus und Paulus). Danach kam ein anderer mit bischöflichem Gewand (Martin) mit einer weiteren Gruppe von Heiligen (erkennbar ist Gereon). Während der Betrachter beim Anblick dieser Vision gleichsam in die Rolle des Küsters von St. Peter schlüpft, der die himmlische Erscheinung im Kirchenraum wahrnimmt, wird im Mittelgrund des Gemäldes die Vision aus einer anderen Perspektive betrachtet (s. Bild rechts): In freier Landschaft zeigt eine höfisch gekleidete Frau einem knienden Mann, der sein Zepter abgelegt hat, die himmlische Erscheinung. Auch dies schildert die Legenda Aurea: Die römischen Senatoren wollten Kaiser Augustus den Status eines Gottes zusprechen. Dieser jedoch widersprach und wandte sich an die Sibylle von Tibur. Diese zeigte ihm daraufhin in seiner Kammer eine Vision: Inmitten eines goldenen Kreises um die Sonne sitzt eine Jungfrau auf einem Thron, der über einem Altar steht, und hält ein Kind auf ihrem Schoß. Die Sybille bekennt dabei die alles überragende Größe dieses Kindes. Und der Tag, an welchem sich diese Vision ereignete war der Tag der Geburt dieses Kindes. Und die Kammer "ward danach geweiht in unser lieben Frauen Ehre, und heißet noch jetzt Sancta Maria in Ara Coeli". Literaturhinweis: Thomas Blisniewski, Kaiser Augustus und die Sibylle von Tibur. Ein Bildmotiv des Meisters der Verherrlichung Mariae im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, in: Kölner Museums-Bulletin 3/2005, S. 13-26.

T. Nagel