Anfang und Ende

Bild der 52. Woche - 29. Dezember 2008 bis 4. Januar 2009

Deutschland, um 1800 Memento Mori in Form eines liegenden Leichnams Elfenbein, L: 17,8 cm, B: 5,3 cm, H: 2,9 cm Museum Schnütgen, Inv.-Nr. B 158

Die kleinformatige, aus Elfenbein geschnitzte Figur stellt den liegenden Leichnam eines älteren Mannes dar. Bei näherem Betrachten wird deutlich, dass das, was zunächst mit heutigem Blick als "Fehlstellen" wahrgenommen wird, Zeichen der einsetzenden Verwesung sind. Einzelne Körperpartien sind schon sichtbar in Auflösung begriffen. Der Körper ist insgesamt ausgemergelt, die Haut spannt sich über das Knochengerüst. Man erkennt nicht nur den Verfall des Leichnams, man ahnt auch den körperlichen Abbau in den Wochen vor dem Tode. Auffallend ist, dass die Zeichen des Todes nicht den ganzen Körper ergriffen haben, sondern auf eine Körperseite beschränkt sind. In der Vorderansicht ist es die – aus der Sicht des Betrachters - rechte Seite, die traditionell schlechte Seite (die Seite der Verdammten des Weltgerichtes). Es geht also dem unbekannten Künstler um eine bewußte Gegenüberstellung. Abstoßend und faszinierend zugleich wirkt diese kleine, etwa 18 cm lange Figur. Dabei kontrastiert das edle Material, aus welchem in der Regel kostbare Kleinode hergestellt wurden, in eigenartiger Weise mit der Thematik der Vergänglichkeit und ist – selbst lebloser Knochen! – wiederum dem Thema sehr nahe. Ebenso bildet die vornehme Blässe des Materials einen spannungsreichen Kontrast zu den Details der Verwesung. Auf der anderen Seite paßt sie wiederum zur Darstellung eines Leichnams. Im Mittelalter besaß der Tod als Übergang zwischen Diesseits und Jenseits eine wichtige Bedeutung. So war das Sterben in der Gesellschaft täglich gegenwärtig und es war nicht nur aus religiösen Gründen wichtig, nicht unvorbereitet auf diesen Augenblick zu sein. Zu Beginn der Neuzeit wandelt sich dieses Verhältnis zum Tod. Man betrachtet ihn immer stärker aus der Perspektive des individuellen Schicksals. Der in der Gesellschaft wachsenden Liebe zum diesseitigen Leben gesellt sich nun mahnende Todesfurcht. Die ersten Porträts der Renaissance in Köln sind so z. B. oft mit Symbolen der Vergänglichkeit verbunden. Aus diesem Kontext heraus entstehen zahlreiche skulpturale, meist aus Hartholz oder Elfenbein geschnitzte oder in Bronze gegossene Kleinskulpturen, die den Betrachter an die Vergänglichkeit des Irdischen und aller weltlichen Genüsse gemahnen und damit zu einem bußfertigen und christlichen Leben motivieren sollen. Diese am Ende des 18. Jahrhunderts wohl als individuelles Auftragswerk entstandene Elfenbeinskulptur steht mit am Ende dieser langen in der frühen Neuzeit begonnenen Reihe. Aus der Sicht des Auftraggebers ist dieses Werk sozusagen "Selbstmotivation" zur Beachtung des Lebenszieles. Es soll aber auch gleichsam "missionarische" Wirkung bei dem Betrachter erzeugen. Literaturhinweis: Manuale Beer, Memento Mori – Gedenke de Todes. Eine neu erworbene Elfenbeinskulptur im Museum Schnütgen, in: Kölner Museums-Bulletin 3/2005, S. 27-38.

T. Nagel