Die Nebenrollen

Bild der 11. Woche - 17. bis 23. März 2008

Meister der Ursula-Legende, um 1480, 135,2x156 cm (Tafelgröße), 132x155cm (Bildgröße) Eichenholz; Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, WRM 0473

Es ist keine Frage, in der Karwoche steht die Betrachtung der Passion und des Kreuztodes Christi im Mittelpunkt des christlichen Lebens. Unzählig sind die verschiedenen Formen, in welchen die Details dieses Geschehen den Menschen vor Augen gestellt wurden und werden, angefangen von den Betrachtungsschriften des Mittelalters, über die sogenannten Bilderfolgen (s. nächstes Bild der Woche), die Oratorien (z. B. von Johann Sebastian Bach) bis hin zum Film (s. z. B. Passion Christi, Film von Mel Gibbson 2004). Aber auch in der Liturgie hat der Passionsbericht seinen Platz, etwa am Palmsonntag (in diesem Jahr nach dem Evangelisten Matthäus) oder am Karfreitag selbst (nach dem Evangelisten Johannes). So wie zuletzt Mel Gibbson das Geschehen filmisch aus den vier Evangelien "rekonstruierte", war auch der mittelalterliche Mensch an einer detaillierten Information über das Geschehen interessiert. So legte er nicht nur sein Augenmerk auf das eigentliche Geschehen des Opfertodes Christi, sondern fragte auch nach den "Nebenrollen", nach den Namen und Schicksalen der Randfiguren. Da die Evangelien hierzu wenig mitteilen, gab es außerbiblische Traditionen, welche diese Lücke füllten. Deren Überlieferung ist heutzutage weitgehend unbekannt. Auf diesem Bild des Meisters der Ursulalegende (tätig etwa 1480/1515) sind alle wichtigen "Neben-Personen" im Zentrum des Bildes versammelt. Zunächst die beiden Schächer, die mit Christus gekreuzigt wurden: Über den vom Betrachter aus rechten Schächer wird in der Bibel berichtet, daß er Jesus verhöhnte (vgl. Lk 23,39-44). Einige Quellen geben seinen Namen mit Kosmas, die meisten Quellen jedoch mit Gestas oder Gesmas an. Der zweite reuige Gekreuzigte links im Bild heißt Dismas. Ihm prophezeit Christus das Paradies. Schräg hinter der Muttergottes im blauen und Johannes im roten Gewand sieht man drei Frauen. Dies sind die "Drei Marien" (vgl. Mt 27,56; Mk 15,40; Joh 19,25), welche später den Aposteln vom leeren Grab des Auferstandenen berichten sollten: Am Kreuzstamm selbst Maria von Magdala, hinter ihr die beiden Schwestern der Mutter Jesu, nämlich Maria, die Frau des Kleophas, und Maria, die Frau des Salomas. Auch für einige der beteiligten Soldaten überliefert die Tradition (vor allem die "Legenda Aurea) Namen: Eine besondere, wenn auch wenig ruhmreiche Rolle spielt bei der Kreuzigung ein Mann namens Longinus, zu sehen mit grünen Mantel, dem Betrachter den Rücken zuwendend. Er ist derjenige der römischen Soldaten, der Jesu die Lanze in die Seite stieß (Joh 19,34). Er hat seine Tat bereits vollbracht. So stellt ihn der Maler auch sehend dar, denn der frommen Legende nach, war Longinus zunächst blind. Erst das auf seine Augen spritzende Blut Christi macht ihn wieder sehend. Neben Longinus auf dem Pferd sitzt ein Mann mit einem Schwamm auf einem Stab. Sein Blick geht zum Gekreuzigten empor. In der außerbiblischen christlichen Tradition trägt dieser Mann den Namen Stephaton. Nach den Evangelisten (Mk 15,36 par) reagierte er auf den Ruf Jesu: "Mich dürstet" (Joh 19,28) und reicht diesem einen mit Essig getränkten Schwamm. Auch wenn dies wie eine Verspottung wirkt, so war es als Hilfe gedacht. Essigwasser war das Erfrischungsgetränk der römischen Soldaten. Unmittelbar neben dem Kreuz zeigt ein weiterer Reiter auf den Gekreuzigten. Hierbei handelt es sich um den "Guten Hauptmann", welcher angesichts des Erbebens und der Finsternis beim Tode Jesu ein Glaubensbekenntnis aussprach: "Vere filius die erat iste" - Wahrlich, dieser war Gottes Sohn (Mt 27,54; Mk 15,39; Lk 23,47). Ab und zu wird auch diesem Teilnehmer der Szene in den Legenden der Name Longinus gegeben.

T. Nagel