Donner im Saal

Bild der 8. Woche - 25. Februar bis 2. März 2008

George Brecht Tonnerre de Liege, (1966/67) Korkbuchstaben auf zwei Leinwänden, Stuhl mit Messingbuchstaben
Köln, Museum Ludwig, ML. Dep. 7340

Im Zentrum von George Brechts Forschung und Kunst steht das „Event“. Brecht, am 27. 8. 1926 in New York als George MacDiarmid geboren, arbeitete zunächst als Chemiker und besuchte die Kurse des Komponisten John Cage. Sowohl Wissenschaft als auch Musik kennen den Begriff „Event“, hier wie da bezeichnet er ein Ereignis (z. B. eine chemische Reaktion oder einen Klang) innerhalb von Zeit und Prozess oder eine Interaktion. Es passiert etwas, jedoch nichts Besonderes, Wunderbares, sondern gerade etwas höchst Gewöhnliches, Alltägliches. Tonnerre de Liege (Donner von Lüttich bzw. Donner aus Kork) ist das Event der Events, denn in dieser Installation überkreuzen sich verschiedene Brechtsche Arrangements. Wie in einer ganzen Reihe von seinen Werken sind Schilder (signs) zu sehen, die Anweisungen geben: Auf „Acte“ (Handlung) I, „fumée“ (Rauch, Illusion), soll „Acte II“, symbolisiert durch einen Händedruck, folgen. „Acte III“ ist aber ein Stuhl, welcher der Reihe der „chair events“ entstammt; seit 1961 interessiert ihn, was jeweils um einen Stuhl herum passiert, passiert ist oder passieren könnte. Brecht war davon überzeugt, dass sich die hier gezeigten Alltagsgegenstände erst in dem Moment, da der Blick des Betrachters auf sie trifft, zum Event verdichten. Mit seinen Objekten war Brecht also der Pionier einer Kunst, die ganz auf den Rezipienten setzt: Dieser sollte seine eigenen Erfahrungen in das Werk einbringen und es für sich selbst deuten. Welches Ereignis in Tonnerre stattgefunden hat oder stattfinden soll, hängt also vom Betrachter ab. Brecht hat seine Arbeiten stets als “Forschungen" begriffen. Kein Wunder: In jungen Jahren absolvierte er – wie bereits erwähnt - eine wissenschaftliche Ausbildung (in dieser Zeit erwarb er mehrere Patente für Tampons). Sein ganzes künstlerisches Leben hindurch hat Brecht sich mit der Theorie der Wahrnehmung beschäftigt und die Beschaffenheit menschlicher Erfahrungen untersucht. Auch in seinen jüngsten Arbeiten interessiert er sich für das Erfassen von Wirklichkeit. Und gerade mit dieser kompromisslosen Haltung, die auf die Gesetze der Kunst und die Abläufe des Kulturbetriebs wenig Rücksicht nimmt, hat George Brecht viele künstlerische Konventionen auf den Kopf gestellt.

J. Friedrich