Vision der Geburt Christi

Bild der 52. Woche - 24. bis 30. Dezember 2007

Jan de Beer, Geburt Christi - Mitteltafel eines Altares, um 1520/25, Eichenholz, 73 x 56,3 cm, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, WRM 0480
Gerrit van Honthorst, um 1622, Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM 2122, Leinwand 164 x 190 cm

Stellen Sie sich einmal folgende Situationen vor: Eine junge Mutter nimmt ihr gerade geborenes Kind und legt es nackt auf den kalten Boden! So zeigt sich die dargestellte Szenerie auf vielen Weihnachtsbildern des Mittelalters, wenn man den damaligen Kontext weglässt. Wie wirkungsstark ein "Kontext" ist, wird deutlich, wenn man etwa ganz aktuell eine Verbindung zu den Fällen von Kindesverwahrlosung und Kindestötung herstellt, die in diesem Jahr durch die Presse gegangen sind ("nach der Geburt auf dem Boden liegengelassen", "an Unterkühlung gestorben"; …). Was war nun der Kontext, in dem dieser mittelalterliche Maler Jan de Beer seine Darstellung der Geburt Christi schuf und der mittelalterliche Betrachter das Gemälde verstand? Zunächst ein Blick auf ein zweites Bild: Die Geburt Christi von Gerrit van Honthorst (s. Bild links). Hier sieht man überdeutlich ein wichtiges Detail, welches auch bei Jan de Beer dargestellt ist: das nackte Kind leuchtet, es ist selbst die Quelle des Lichtes. Während Honthorst aus diesem Motiv die Wirkung des gesamten Bildes aufbaut, reiht es Jan de Beer in die Liste der weiteren theologischen Deutungen ein (s. hierzu BdW 52/2001). Aber er macht es dennoch deutlich kenntlich: Das Kind ist von einem Strahlenkranz umgeben und keine der anderen Lichtquellen (Kerze des Josef, Feuer im Ofen, Feuer der Hirten auf der Weide) erhellt die Umgebung oder produziert einen Schatten. Zum Verständnis des Kontextes ist dieses "Aus-sich-leuchten" unerlässlich. Hierdurch wird deutlich, dass es sich beim dargestellten Geschehen um ein "außergewöhnliches", übernatürliches Ereignis handelt und es illustriert eine theologische Aussage: Die Geburt Christi wird vom Evangelisten Johannes mit folgenden Worten zusammengefasst: Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt (Joh 1,9). Christus selbst wird mit den Worten zitiert: Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt (Joh 12,46). Folgt man den Evangelisten weiter, so findet man in der Geburtsszene einen Widerspruch: Der Evangelist Lukas schreibt: Maria wickelte ihren Erstgeborenen in Windeln und legte ihn in eine Krippe (Lk 2,7), also kein Steinboden und nicht nackt. Es liegt somit die Vermutung nahe, dass es eine weitere Quelle der Darstellung gibt, zumal unser Bild keinen Einzelfall darstellt, sondern diese Art der Darstellung seit dem 15. Jahrhundert oft zu finden ist. Zudem muss die Quelle eine gewisse theologische Legitimation haben, um die Schilderung des Evangelisten Lukas zu "verdrängen". In der Tat ist dies so: Bei der Quelle handelt es sich um die Visionen der Hl. Birgitta von Schweden (1303-1373), welche diese 1372 auf einer Pilgerreise in das Heilige Land hatte und niederschrieb. Sie wird seit 1391 als Heilige verehrt und ergänzte mit über 700 Visionen detailreich die neutestamentlichen Berichte über die Vita Christi. Hier der entscheidende Ausschnitt, in welchem man noch weitere Details unseres Bildes beschrieben findet (Revelationes VII,22): Als ich an der Krippe des Herrn zu Bethlehem weilte, sah ich die Jungfrau. Sie war gesegneten Leibes, mit einem weissen Mantel und einem feinen Rock bekleidet, durch den hindurch ich von außen ihr jungfräulich reines Fleisch deutlich sah. Ihr Leib war voll und sehr stark, denn sie war im Begriff, niederzukommen. Bei ihr befand sich der überaus ehrenvolle ältere Mann (Josef). Beide hatten einen Ochsen und einen Esel bei sich. Als sie in die Höhle eingetreten waren, band jener ältere Mann den Ochsen und den Esel an die Krippe. Dann ging er hinaus und brachte der Jungfrau eine angezündete Kerze, befestigte dieselbe an der Wand und entfernte sich, um nicht persönlich bei der Niederkunft zugegen zu sein. Nun zog die Jungfrau die Schuhe von ihren Füßen, legte den weißen Mantel, mit dem sie bekleidet war, ab, entfernte hierauf den Schleier von ihrem Haupt, legte all diese Kleidungsstücke neben sich hin und hatte nun nur noch das Kleid (tunica) an. Die überaus schönen Haare hingen wie Gold über ihre Schultern herab. … Als sie nun so im Gebet war, sah ich, wie sich das in ihrem Schoß befindliche Kind zu bewegen begann. In diesem Moment gebar sie in einem Augenblick den Sohn, von dem ein solches Licht ausstrahlte, dass man es nicht schildern kann, und solcher Glanz ausging, dass man damit weder die Sonne, noch weniger aber jenes Kerzenlicht, das der Greis entzündet hatte, vergleichen kann, weil jener göttliche Glanz den materiellen Schein der Kerze zunichte machte. Die Art und Weise des Gebärens aber erfolgte so momentan und plötzlich, dass ich es weder beobachten noch genau unterscheiden konnte, wie oder mit welchem Körperteil sie gebar. Vielmehr sah ich sofort jenes holde Kindlein nackt, aber ganz rein auf dem Boden liegen … Ich hörte hierauf auch einen Engelsgesang von wunderbarer Lieblichkeit und großer Süßigkeit … Als die Jungfrau merkte, dass sie bereits geboren hatte, beugte sie sogleich ihr Haupt, faltete in ehrfürchtiger Haltung ihre Hände und betete in Ergriffenheit das Knäblein an …

T. Nagel