Interview mit dem Tuschemaler Zhou Jun

Bild der 45. Woche - 05. bis 11. November 2007

Zhou Jun (*1955)
Zhou Jun , Zwei schwarze junge Schwäne, 2002 in Nijmegen vom Paiyun lon Studio aus gemalt (Two young black swans, 2002 painted in Nijmegen looking from the Paiyun lou Studio), 69,1 x 49,4 cm Zu sehen im Museum für Ostasiatische Kunst vom 10.11.2007 bis 20.04.2008

Zhou Jun, ein chinesischer Tuschmaler, hat seit 1989 eine Professur in den Niederlanden. 100 seiner Werke werden ab dem 10. November 2007 im Museum für Ostasiatische Kunst Köln zu sehen sein. BdW traf den Künstler zusammen mit seiner Frau am 03. November im Museum, als er sich für seine Demonstration während der Langen Nacht der Kölner Museen vorbereitete. Er beantwortete Fragen zu seiner Kunst. BdW: Wann haben Sie angefangen zu malen? Malen Sie täglich? Wie lange malen Sie täglich? Wie halten Sie Ihr Handgelenk geschmeidig? Zhou Jun: Ich begann mit vier Jahren und hielt einen Pinsel. Nach so vielen Jahren der Übung ist der Pinsel nun für mich wie mein Finger. Jeder gute Künstler sollte dieses Stadium erreichen. Man lernt und trainiert die Technik. Ab einem bestimmten Niveau braucht man kein Training mehr. Man beherrscht die Technik. Die Gefahr ist zu trainieren – wie eine Maschine. Ohne Ideen. Ohne Leidenschaft. BdW: Auf welchem Papier malen Sie? Bevorzugen Sie eine bestimmte Sorte, z. B. Maulbeerpapier? Zhou Jun: Die meiste Zeit ziehe ich Maulbeerpapier vor. BdW: Behandeln Sie das Papier vor dem Malen? Bleichen oder färben Sie es (z. B. mit Tee) ein? Zhou Jun: (Großes Gelächter) Das ist nicht wichtig für meine Kunst! BdW: Mit welcher Tusche arbeiten Sie? Reiben Sie sie selbst an? Zhou Jun: In früheren Zeiten waren die chinesischen Tuschmaler Gelehrtenmaler, reiche Leute, die Diener oder Jungen hatten, die ihre Tusche rieben. Heutzutage haben wir keine Diener, die diese Arbeit machen. Es kostet eine Menge Zeit Tusche zu reiben. Mehr als zwei Stunden – man kann nicht (spontan) malen, wenn man malen möchte. Es nimmt viel zu viel Zeit von der Zeit, die man für Malen verwenden könnte, wenn man die Tusche selbst reibt. So haben wir große Flaschen mit fertig hergestellter Tusche. Maschinen nehmen uns die mühevolle Arbeit ab. Man kann selbst geriebene Tusche hinzufügen. Aber die Hauptarbeit ist schon getan. Wenn man nicht alle Tusche verbraucht hat, schüttet man die Reste nicht weg. Man kann sie am nächsten Tag wieder verwenden. Im Übrigen: Nicht die Tusche, sondern die Art, wie man die Tusche benutzt, ist wichtig. BdW: Welche Farben nehmen Sie für die farbigen Akzente? Aquarellfarben? Oder Acrylfarben? Zhou Jun: Diese Frage könnte meine Frau besser beantworten. Sie macht sie. (Lachen aus dem Hintergrund) Die bunten Farben bestehen zu 100% aus natürlichen Stoffen, von Früchten etc. (Frau Zhou aus dem Hintergrund: Man muß aufpassen. Sie färben auch die Kleidung.) Daher trage ich überwiegend schwarze Kleidung (lacht). BdW: Malen Sie die Bilder flachliegend? Wo? Sie malen u. a. ja sehr großformatig. Auf dem Boden? Zhou Jun: Wieder mehr eine Frage für meine Frau. (lacht) Tusche tropft. Manche Künstler stellen ihre Werke trotzdem hochkant beim Malen. Sie versuchen dann, weniger Farbe und Tusche zu nehmen. Dennoch – es ist natürlicher, das Blatt hinzulegen. Ich male überwiegend auf dem Tisch – auch die großen Sachen, ja. BdW: Mit welchem Pinsel malen Sie? Aus welchem Haar? Welche Pinselstärke? Zhou Jun: Es gibt drei Sorten von Pinsel: Hart, mittel, weich. Harte Pinsel bestehen aus Marder, weiche aus Barthaaren der Ziege. Die mittleren Pinsel bestehen aus einer Mischung der beiden Haarsorten. Und die Pinsel sind natürlich wieder von unterschiedlicher Stärke (Anzahl der Haare variiert). Ich stelle übrigens selbst auch Pinsel her – für spezielle Effekte. Das ist gar nicht so schwer. Ich benutze dafür alte Pinselhalter, denen die Haare ausgegangen sind. BdW: Sie kennzeichnen Ihre Werke nach alter Tradition mit Siegeln. Zhou Jun: Das hat nicht so sehr traditionelle Gründe. Ein Siegel hat mehrere Funktionen. Zum ersten natürlich dient es der Identifikation: das Siegel kann den Namen bedeuten oder auch philosophische oder sonstige Bemerkung etc. beinhalten, die für den Künstler von Bedeutung ist; zum Zweiten ist es für die Komposition wichtig. Ich setze das Siegel nicht immer an die gleiche Stelle, sondern dorthin, wo es mir sinnvoll erscheint, wo es die Balance des Bildes unterstützt. Zum Dritten ist das Siegel selbst ein Teil der Kunst. BdW: Wie malen Sie Ihre Bilder? Wie kommen Sie zu Ihren Motiven? Wo finden Sie Ihre Inspiration? In der Natur? Zhou Jun: Oje, das ist eine tiefe Frage. Diese Frage zu beantworten wäre eine „Doktorarbeit“. Das würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Wir haben doch nur eine Seite! (lacht) Das ist ein weites Feld. Aber ich kann eine andere Frage beantworten, die mir oft gestellt wird. Viele Europäer fragen mich: Ich bin kein Chinese, kann ich dennoch chinesische Tuschmalerei lernen? Chinesische Malerei ist ein System, ein anderes eben. Es ist dasselbe wie bei der westlichen Kunst. Jeder kann das lernen. Jeder kann ein chinesisches Bild malen. Es ist leicht. Aber um ein GUTES Bild malen zu können ... Wenn Sie ein guter Maler werden wollen, dann müssen Sie ERNSTHAFT dabei sein! Es hängt nicht von der Nationalität ab. Es hängt vom Wissen ab. Sie müssen dafür trainieren. Um die Sicherheit in der Technik zu erlangen (womit wir wieder beim ersten Punkt sind). Viele fragen mich: Wie soll ich den Pinsel halten? Wie viel Wasser soll ich nehmen? – All das weiß man durch Übung bzw. wenn man die Technik beherrscht. Aber jeder kann ein Tuschbild malen. In jedem steckt ein Künstler. Das Interview wurde geführt von B. Clever.

B. Clever