Nachruf auf Evelyn Weiss

Bild der 49. Woche - 03. bis 09. Dezember 2007

Evelyn Weiss (rechts) mit Irene Ludwig und Robert Rauschenberg

Betrachtet man die nunmehr gut dreißig Jahre währende Geschichte des Museum Ludwig, so ist ein Name diesem Hause in einer Kontinuität verbunden, die selten ist in dieser an personellen Wechseln reichen Branche. Evelyn Weiss, bis zum März 2003 als stellvertretende Direktorin am Hause tätig, war über mehr als drei Jahrzehnte hinweg sowohl intern maßgeblich an Aufbau und Gestaltung des Museums beteiligt, wie sie auch dessen Bild bei zahllosen Anlässen nach außen hin repräsentiert hat. Wohl mit Recht konnte man in ihrem Fall von einer Institution innerhalb des Museum Ludwig sprechen. Geboren in Rom als Tochter einer ungarischen Mutter und eines englischen Vaters, studierte sie Kunstgeschichte in Bonn und Wien , war in Paris tätig und brachte, als sie 1968 als Volontärin am damaligen Wallraf-Richartz-Museum anfing, eine durchaus kosmopolitische Dimension in dieses Haus. Gestartet war sie damit in einem Museum, in dem die Kunst der Moderne, vornehmlich mit der Sammlung Haubrich, einen Aspekt in einer langen kunstgeschichtlichen Reihe vom frühen Mittelalter ausgehend darstellte. Doch bereits einige Monate später kam es unter dem damaligen Kulturdezernenten Kurt Hackenberg und dem Generaldirektor der Kölner Museen, Gert von der Osten, zu Gesprächen über eine mögliche Präsentation von Dauerleihgaben des Aachener Sammlerehepaares Irene und Peter Ludwig, wodurch eine neue Epoche in der Geschichte des Museums eingeleitet werden sollte. Evelyn Weiss war hier eine Frau der ersten Stunde. Bei den Vorbereitungen zu dieser Ausstellung, zu der Wolf Vostell den Katalog gestaltete, traf sie erstmals auf Werke, die im Laufe der Jahre zu Ikonen der Pop Art oder auch Meilensteinen der deutschen Malerei der sechziger Jahre werden sollten, und dieses Zusammentreffen war gewissermaßen Liebe auf den ersten Blick. Mehrere hunerttausend Menschen sahen diese Präsentation; schnell kamen neue Werke des Sammlerehepaares Ludwig hinzu und bereits im März 1969 verkündete Hackenberg: „Da das Wallraf-Richartz-Museum aus den Nähten platzt, möchte ich möglichst in Bahnhofsnähe ein Museum der Kunst des 20. Jahrhunderts bauen.“ Zur Einweihung des Neubaus sollte es jedoch erst 1986 kommen, zehn Jahre nachdem 1976 im Zuge der ersten umfangreichen Schenkung von Peter und Irene Ludwig das Museum Ludwig als eigenständige Institution geboren wurde.  Zu diesem Zeitpunkt hatte Evelyn Weiss als Vertraute des Sammlerehepaares bereits wesentlich zum Aufbau der legendären Pop Art Sammlung beigetragen, war beteiligt an Aufsehen erregenden Unternehmungen wie dem damals viel diskutierten „Projekt 74“, bei dem über 100 Gegenwartskünstler Arbeiten unterschiedlichster Sparten in  der Kunsthalle präsentierten. Gegen Ende des Jahrzehnts unterstützte Sie dann Peter und Irene Ludwig beim Aufbau einer außerhalb Russlands einzigartigen Sammlung russischer Avantgarde-Kunst für das Museum Ludwig. Mit wesentlichen Ausstellungen in Köln ist der Name Evelyn Weiss verbunden, zu erinnern sind hier beispielsweise Ljubow Popowa, Präsentationen zu den Sammlungen Picasso sowie Russische Avantgarde des Ehepaares Ludwig, Retrospektiven zu Jasper Johns, Robert Rauschenberg oder Kasimir Malewitsch. Aber auch an wichtigen Projekten außerhalb des Hauses war sie beteiligt, so gemeinsam mit Klaus Honnef 1977 im Team der documenta 6 verantwortlich für die Abteilungen Malerei und Fotografie oder als dreimalige Kommissarin für den deutschen Beitrag der Biennale Sao Paulo mit Künstlern wie Darboven, Baselitz, Palermo, Polke, Richter und Trockel. Doch nicht nur bei Ausstellungen, sondern besonders in der täglichen komplexen Museumsarbeit war Evelyn Weiss für zahllose Kollegen aus aller Welt wie auch die Mitarbeiter des eigenen Hauses stets kompetenter Ansprechpartner, gleichermaßen bedacht auf die Außenwirkung des Museums wie den Erhalt seiner unschätzbaren Sammlungen. Sozusagen als Außenministerin des Museum Ludwig war sie international in zahlreichen Gremien tätig, so im Vorstand des Deutschen Nationalkomitees des International Council of Museums (ICOM), im Vorstand des internationalen Komitees für Museen Moderner Kunst (CIMAM) oder als Vizepräsidentin des internationalen Kunstkritikerverbandes (AICA). Die Kontinuität, mit der Evelyn Weiss dem Museum Ludwig verbunden war, wird nicht zuletzt deutlich, wenn man sich vor Augen führt, daß sie in ihrer Laufbahn nicht weniger als sechs Direktoren erlebte, wobei sie in den Interimsphasen oft über Monate das Museum kommissarisch leitete. Dabei galt ihr Hauptaugenmerk jedoch stets der Sammlung, wuchsen ihr viele Werke im jahrelangen Umgang ans Herz. Wie die Sammlungen des Museum Ludwig ihr viel verdanken, so hat auch sie selbst vieles an Inspiration und Erkenntnis aus diesen Werken geschöpft. Sie verstarb in der Nacht vom 11. auf den 12. 11. nach schwerer, mit der ihr eigenen Kraft getragenen Krankheit. Kasper König Direktor des Museum Ludwig