Wir überarbeiten zur Zeit unser Online-Angebot. Daher pausiert das "Bild der Woche" aktuell.
Vielen Dank für Ihr Verständnis

Pulverdampf und Tod vor 375 Jahren

Bild der 51. Woche - 17. bis 23. Dezember 2007

Joost van den Vondel, Friedensbotschaft an Gustav Adolf, 1632
Abbildung der Stadt Cöln und der gegenüber gelegener new befestigten Freiheit Duytz Radierung von Matthäus Merian d. Ä., 1633, 25,5 x 35 cm aus: Theatrum Europaeum, 2. Bd., verf. v. Johann Philipp Abelin, 1637 überarb. v. Johann Flittner, ersch. b. M. Merian d. Ä., Frankfurt/M, 1635 u. ö. (Druckplatte im Besitz des Kölnischen Stadtmuseums) Kölnisches Stadtmuseum – Graphische Sammlung

Während des 30-Jährigen Krieges bemühte sich die Stadt Köln neutral zu bleiben (bei Sympathie für die kaiserlich-katholische Seite). Dafür musste sie sich selbst schützen, Verteidigungsanlagen verstärken, Soldaten anwerben, Kanonen auf Festungswerken platzieren. Nachdem sich wieder alles etwas beruhigt hatte, beschloss man 1625, einen Teil der Söldner wieder zu entlassen. Aber nun betrat der schwedische König Gustav Adolf die Kriegsbühne auf Seiten der Protestanten. Köln hatte den Schweden Neutralität angeboten, diese verlangten jedoch die freie Religionsausübung für Protestanten, was das katholische Köln nicht billigen wollte. Der schwedische General Baudissin rückte durch den Westerwald vor nach Andernach und weiter nach Siegburg, das 1632 erobert wurde und drei Jahre lang schwedischer Stützpunkt war. Neben vielen anderen suchten auch der Mainzer Erzbischof sowie die Bischöfe von Worms, Würzburg und Osnabrück Schutz hinter den starken Kölner Mauern. Um jeden Anlass für einen kriegerischen Akt zu vermeiden, erlaubte Köln den Schweden das Einkaufen in kleinen Gruppen. Dafür sollte der überregionale Handel nicht behelligt werden. Köln erhielt von unerwarteter Seite Beistand: Der Dichter Joost van den Vondel, 1587 in Köln als Kind niederländischer Mennoniten aus Antwerpen geboren und später zum Katholizismus konvertiert, richtete, als er seine Geburtsstadt bedroht sah, 1632 ein Friedensgedicht an Gustav Adolf. Darin bat er, wie einst Alexander Jerusalem aus Ehrfurcht und Respekt verschonte, solle der König auch Köln verschonen und so wie Alexander in Theben die Wohnung des Dichters Pindar schonte, so solle Gustav Adolf die Stadt Vondels schonen. Auf diese Weise vermeide er auch, dass sich die Feder des Dichters gegen ihn richte – dabei sah er den schwedischen Monarchen durchaus positiv: Er sei gerufen, dem zerrissenen Europa Frieden, Sicherheit und Toleranz zu bringen. Unterdessen verließ Köln sich doch mehr auf die Macht von Mauern als auf die von Worten und ließ seit Februar 1632 mit Einwilligung des Kurfürsten das zu dessen Herrschaftsbereich gehörende Deutz mit sechs Bastionen befestigen (üblicherweise war es anders – der Kurfürst ließ Deutz befestigen und die Kölner sorgten jedes Mal für die Schleifung der Befestigungen) und von 900 Soldaten unter dem Oberstleutnant Diependahl besetzen. Dies verärgerte Baudissin aber derart, dass er in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember 1632 den kurkölnischen Ort angriff. Unter schweren Verlusten zogen sich die Kölner Stadtsoldaten in die Pfarrkirche zurück, Kirche und Friedhof wurden belagert. Von Köln aus nahm man die schwedischen Truppen unter Beschuss und bald kam der von Oberst Merode angeführte Entsatz, der die Schweden nach heftigen Kämpfen vertrieb. Dabei flog am 22. Dezember der Turm der Pfarrkirche St. Urban, wo Pulvervorräte gelagert waren, in die Luft, auch umliegende Häuser wurden zerstört. Insgesamt waren 300 Tote zu beklagen: „Die kirche mit allem in und umherwesenden Volk in die Luft gesprengt, worüber an 300 menschen umkommen und verderbt worden sind“, heißt es im „Theatrum“, aus dem unser Kupferstich stammt. Der Urheber des Feuers blieb ungewiss – legten die Schweden Feuer oder waren die Kölner unachtsam? Baudissin jedenfalls sah sich angesichts der unerwartet heftigen Gegenwehr zum Rückzug genötigt. Dabei führten die Schweden wohl auch 200 Kölner als Gefangene mit sich fort. Man wollte die Befestigungsanlagen nun rasch vollenden, die Kosten zwischen Erzbischof und Stadt teilen. Als der Erzbischof (Ferdinand von Bayern) bis 1647 seinen Anteil immer noch nicht bezahlt hatte, ließ die Stadt Köln alle Befestigungsanlagen wieder abbrechen – darin war man ja geübt. Der Kupferstich zeigt Köln von seiner Schauseite – von der Rheinseite, im Vordergrund das befestigte Deutz. Der Stecher Matthäus Merian arbeitete nicht mit Stereoptypen, sondern wertete aktuelle Nachrichten und Anschauungen, die er auf seinen vielen Reisen gewonnen hatte, aus. Die von der Sprengung der Pfarrkirche verursachte mächtige Rauchwolke in der Bildmitte betont ebenso wie die umherfliegenden und –liegenden Menschlein den Charakter einer Reportage. Matthäus Merian d. Ä. (Basel 1593–1650 Bad Schwalbach) absolvierte eine Lehre als Glasmaler in Basel und Zürich. Hier sattelte er 1609 auf die Radierkunst um. In den folgenden Jahren findet man ihn immer wieder auf Reisen. 1617 heiratete er in Oppenheim Maria Magdalena de Bry († 1645), die Tochter seines kalvinistischen Arbeitgebers. 1623 übernahm er das verlegerische Geschäft seines verstorbenen Schwiegervaters. Ab 1629 erschien ein von ihm selbst illustriertes Sammelwerk, das vor allem von den Ereignissen des 30-Jährigen Krieges berichtet und dem er den Titel „Theatrum Europaeum“ gab. Bis zu Merians Tod 1650 erschienen fünf Bände des „Theatrum“, den Abschluss des Monumentalwerks bildete 1738 der 21. Band.

R. Wagner