"Singende Krüppel"

Bild der 46. Woche - 12. bis 18. November 2007

Chargesheimer, "Singende Krüppel", um 1959, Aufnahme für "Romanik am Rhein", 1959, Taf. 68, Silbergelatineabzug, 39,8 x 29,5 (30,2 x 23,2) cm, Museum Ludwig, Inv. Nr. ML F1981 557
Chargesheimer, aus: Unter Krahnenbäumen, 1958, Taf. 51 Detail.
Heinrich Hoerle, Aus der Mappe: ‚Krüppel’, 1920, Lithographie (WV 1981, IV, Nr. 17)
Chargesheimer, "Singende Krüppel", in: Romanik am Rhein Taf. 68-69, 1959

Der zur Zeit mit einer großen Ausstellung im Museum Ludwig bedachte Kölner Fotograf Chargesheimer (Karl Heinz Hargesheimer (1924 -1971) hat in seinem einzigen Fotobuch über ein kunsthistorisches Thema: ‚Romanik am Rhein‘ von 1959, die altehrwürdige Epoche Rheinischer Romanik gehörig gegen den Strich gebürstet. Zwar knüpft seine zu ‚Romanik am Rhein‘ verbundene Folge von Schwarzweißaufnahmen durchaus an die Tradition der Gattung des Kunstbildbandes an; jenseits der Aufgabe aber, die wichtigsten Denkmäler der Romanik am Rhein im Foto zu repräsentieren, verweigert sich sein Bildessay auf weiten Strecken der gängigen Lesart. Dabei mag die Vereinnahmung romanischer Denkmäler durch die Nationalsozialisten eine Rolle gespielt haben, entgegen deren Denkmalansichten Chargesheimer seine neuartige Begegnung mit der Romanik verstanden haben mag. Extrem auf Ausschnitte reduzierte Bildformulierungen von Architektur und Plastik werden jedenfalls streckenweise durch die Übernahme einer Ästhetik des schnappschussartigen Amateurknipsers eingefangen. Daneben stehen eher konventionelle, statisch ruhende Architekturaufnahmen in atmosphärischer Verdichtung. Des weiteren ist eine Vorliebe des Fotografen für die einfachsten, mitunter archaisch anmutenden Darstellungen, für formelhaft verkürzte Menschengestalten in Relief und Bauzier auffallend. Häufig stehen Ausdrucksgebärden im Fokus: der Ausschnitt eines Gesichtes (Bild oben). Es gehört einer sich auf einer Krücke stützenden Gestalt eines Figurenkapitells im Quirinus-Münster in Neuss. In der Bilderläuterung ist zu lesen: „Details von einem Kapitell mit singenden Krüppeln auf der Südempore (nach 1209)“. Die Übernahme dieses Motives in den Romanik-Band war einerseits kunsthistorisch gut begründbar und verhieß andererseits eine seltene bildnerische Widerspiegelung eines Stücks Alltagswelt des 13. Jahrhunderts im Kosmos des Kirchenbaues. Denn die Darstellung gesellschaftlicher Außenseiter hatte in der aktuellen kunsthistorischen Literatur besondere Aufmerksamkeit erlangt. Deutete der Kunsthistoriker Werner Meyer-Barkhausen (1889-1959) das Kapitell mit der „Darstellung der leidenden Menschheit, der Kranken und Krüppel, der Frierenden, Hungernden, Dürstenden und Gefangenen“ 1951 noch als eines der Sechs Werke der Barmherzigkeit (nach dem Matthäus-Evangelium), stellte sein Kollege Walter Bader (1901-1986) vier Jahre später u.a. den „sitzenden, unbekleideten Mann“, der „die Hände auf die Schenkel gelegt“, „die rechte Achsel durch eine Krücke gestützt“ und den Mund geöffnet hat, in den Kontext eines durch Cäsarius von Heisterbach für St. Quirin in Neuss im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts überlieferten Pilgerortes zur Heilung krankhafter Geschwüre und ähnlicher Leiden. Die Kapitelle stellten dem entsprechend, so Bader, Abbilder der nach Heilung und Linderung dürstenden Bedürftigen dar, die sich als Pilger nach Neuss begeben hätten. Wird der von Meyer-Barkhausen „als Zeichen des Hungers, Durstes oder sonstiger Qual“ verstandene geöffnete Mund des Dargestellten, bei Bader zum Mund des Pilgers im Affekt des Schreis, deutet ihn Hans Peter Hilger (1927-1995) 1959 in der Objekterläuterung zu Chargesheimers Fotografie als „singenden Krüppel“. Unübersehbar steht die zeitgenössische Auseinandersetzung mit der figürlichen Kapitellplastik in Neuss noch im Erfahrungshorizont der Kriegs- und Nachkriegszeit mit ihren Schrecken, ihrer Not und ihrem Elend. Diese Erfahrung teilt Chargesheimers Generation mit der jener nach dem Ersten Weltkrieg. In seinem ersten genuinen Fotobuch „Unter Krahnenbäumen“, 1958, gehört ein offenbar ehemaliger Kriegsteilnehmer mit dem gleichen Gesichtsausdruck zum Personal der Straßenbewohner dieses Mikrokosmos (Bild rechts). Der aus dem Kölner Dadaistenkreis hervorgegangene Heinrich Hoerle (1895-1936) verarbeitete dergleichen Erfahrungen u.a. in seiner 1920 im Selbstverlag in kleiner Auflage erschienenen Mappe mit 11 Lithographien: „Krüppel“ (2. Bild rechts). In einer geradezu surrealen Szene sieht hier ein Arm- und Beinamputierter mit eben jenem Gesichtsausdruck wahnwitzigen Entsetzens Hände und Füße Blumentöpfen entwachsen. Im größeren zeitlichen Abstand zur Kriegserfahrung als Hoerle zeigt Chargesheimer das nahansichtige Gesicht einer 750 Jahre alten Menschendarstellung en face und im Halbprofil‚ anatomisch getreu‘ als Ausdruck eines überzeitlichen, allgemein-menschlichen Affektes (3. Bild rechts).

C. Claser