Familienidylle?

Bild der 1. Woche - 5. bis 11. Januar 2007

Peter Paul Rubens, Die Heilige Familie mit Elisabeth und Johannes dem Täufer, um 1630, Öl auf Leinwand, 121 x 102,5 cm, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 1038
Detail: Der Stieglitz am Faden
Detail aus: Peter Paul Rubens, Helene Fourment mit ihrem erstgeborenen Sohn Frans, um 1635, Öl auf Leinwand, München, Alte Pinakothek

Im Jahre 1577 in Siegen geboren, galt Peter Paul Rubens schon seinen Zeitgenossen als der bedeutendste Künstler und eine der herausragenden Persönlichkeiten seiner Zeit. Neben der Portrait- und mythologischen Malerei schuf er auch herausragende Altar- und Andachtsbilder, zu denen auch unser kleineres Bild gehört. Rubens führt uns in diesem um 1635 gemalten Werk vor, wie ähnlich sich christliche Bildinhalte und das alltägliche Familienleben sein können. Zwar verrät uns der Bildtitel, dass es sich um die Heilige Familie mit Elisabeth und dem Johannes-Knaben handelt, doch weder Heiligenschein noch besonders kostbare Gewandung weisen die Dargestellten ausdrücklich als biblische Gestalten und Heilige aus. Im Gegenteil: die lebensnahe und fast zärtliche Schilderung wirkt eher, als wäre sie dem alltäglichen Lebenszusammenhang des Künstlers entnommen und hätte sich genau so gerade eben zugetragen. Wenn man zunächst nach dem christlichen Bildinhalt fragt, liegt doch nichts näher, als in dem hier wiedergegebenen Treffen die Darstellung einer biblischen Geschichte zu vermuten. Doch müssen wir feststellen, dass dieses Geschehen nicht biblisch überliefert ist, sondern auf einer Ausschmückung des Leben Christi beruht, die nicht in die vier Evangelien aufgenommen wurde. Es wird vermutet, dass ein Franziskanermönch aus San Gimignano, heute Pseudo-Bonaventura genannt, dieses Vorkommnis erst um 1300 in seinen sogenannten „Meditationes“ beschrieben hat. Beschrieben wird eine Begebenheit aus der Kindheit Christi: der Abschiedsbesuch, den Maria und Joseph, gemeinsam mit dem Christuskind, der heiligen Elisabeth und dem Johannesknaben abstatten, bevor sie nach Ägypten fliehen, um, wie das Matthäus-Evangelium berichtet, den Kindermördern des Herodes zu entgehen, denn aus Angst vor dem neugeborenen König der Juden hatte Herodes befohlen, alle Jungen im Alter bis zu zwei Jahre zu töten. Dieser eigentlich von Angst überschattete Moment wird von Rubens als vertrautes Zusammentreffen geschildert. Allenfalls die Blicke der Erwachsenen verraten etwas von ihrer Besorgnis. Ansonsten ist das kommende Leid nur in verschlüsselten Hinweisen fassbar: So deutet der Johannes-Knabe, der schon den Fellüberwurf des späteren Bußpredigers trägt, die Taufe Christi an. Der hölzerne Hammer in seiner rechten Hand ist ein Hinweis auf Christi Martyrium am Kreuze und in seiner Linken erkennen wir schwach einen dünnen Faden, den das Christuskind mit spitzen Fingern aufnimmt. Der Faden versinnbildlicht die Verbindung von diesseitiger und jenseitiger Welt. Das andere Fadenende entschwindet mit dem nach rechts davon flatternden Stieglitz (s. Bild rechts), der wiederum ein Symbol für die aufsteigende Seele und damit die Auferstehung ist. Rubens rückt das Bild nah an den Betrachter heran, indem er die Personen lebensgroß darstellt. Er verleiht ihnen so eine hohe Präsenz und steigert die Bildwirkung in ihrer Unmittelbarkeit. In der dicht gedrängten Komposition werden Maria und das Christuskind durch die Lichtführung in den Vordergrund gerückt. Die vertikal gestaffelte Gruppe um Elisabeth tritt demgegenüber zurück. Für die Gesamtwirkung des Bildes von besonderer Bedeutung ist die dominante Bilddiagonale, die in ihrer Aufwärtsbewegung durch die Körperhaltung und Bewegung des Johannes-Knaben eingeleitet und in der Blickrichtung Mariens fortgesetzt wird. Das gesamte Kompositionsschema dient letztendlich der Verdichtung des emotionalen Gehaltes des Bildes, geprägt durch liebevolle Zuwendung, mitfühlende Blicke und zärtliche Gesten, überschattet von verhaltener Trauer. Nicht nur der christlichen Bildthematik, sondern auch ganz konkret kann man das Bild als Familienbildnis bezeichnen. So gab Rubens der Maria die Gesichtszüge seiner Frau, der jungen Helene Fourment, die er am 6. Dezember 1630 in zweiter Ehe geheiratet hatte, und dem Christuskind die Gesichtszüge ihres gemeinsamen Sohnes Frans (s. Bild rechts).

O. Mextorf