Eine verspätete Landschaft

Bild der 51. Woche - 18. bis 24. Dezember 2006

Kasimir Malewitsch, Landschaft (Der Winter), 1909/oder nach 1927, Öl auf Leinwand, 48,5 x 54 cm, Köln, Museum Ludwig, ML 01300

Die Werke der russischen Avantgarde im Museum Ludwig sind ein umfangreicher und kunsthistorisch besonders bedeutender Teil der Sammlung Ludwig. Sie sind Zeugnisse der vielen unterschiedlichen Stilformen, die in wenigen Jahren nach 1917 unter dem Einfluß der italienischen, deutschen und französischen Kunst entstanden. Bisher wurden an dieser Stelle Gemälde von Ljubow Popowa, Natalia Gontscharowa und Michail Larionov vorgestellt (s. BdW 05/2004, 46/2006, 47/2006). Bekannter ist der Name des Malers, dessen Werk heute Thema des Bildes der Woche ist. Kasimir Malewitschs (Kiew 1878 – 1935 Sankt Petersburg) zwischen 1909 und 1912 im Stil des russisch-avantgardistischen Neoprimitivismus und des Kubofuturismus gemalten Werke zeugen von seiner tiefen Verwurzelung in seine russische Heimat und von seiner Seelenverwandtschaft mit den bäuerlichen Menschen. Die Bezeichnung Neoprimitivismus verweist auf eine die eigenen Traditionen berücksichtigende Art der Auseinandersetzung mit nichtakademischer, "primitiver" Volks- oder Stammeskunst. Er wird als Erneuerungsbewegung um 1907 formuliert und verbindet die individuellen Bestrebungen und aktuellen Erfahrungen mit der französischen Moderne, vor allem der wilden Malerei der Fauves, mit archaischen, religiösen oder profanen Motiven der russischen Volkskunst und der traditionellen lkonenmalerei. Die Erneuerung des eigenen kulturellen Erbes bildete dabei einen programmatischen Schwerpunkt. Der Kubo-Futurismus ist wiederum die wesensgemäße Synthese aus dem französischen Kubismus mit seiner Facettierung des Gegenstandes in seine geometrischen Grundformen, und dem italienischen Futurismus, der den technischen Fortschritt zum obersten Prinzip einer Dynamisierung von Kunst und Leben erklärte. Inspiriert von der russischen Volkskunst erschuf Malewitsch mit diesem Werk eine in archetypisch vereinfachten Formen von der Wirklichkeit weit entfernte winterliche Welt. Er stellt leuchtende Komplementärkontrasten neben Grau und Weiß, kombiniert die kompakten greifbaren Formen im Vordergrund mit der tiefenräumlichen Gestaltung des Mittelgrundes. Die statischen Formen, in die eine kleine unscheinbare Figur Bewegung bringt, sind Gestaltungsmittel, die seit 1915 auch seine abstrakten suprematistischen Werke auszeichnen. Die Winterlandschaft gibt seit geraumer Zeit Anlass zu einer Spätdatierung, obwohl unten rechts deutlich die eigenhändige Signatur mit der Datierung 1909 zu lesen ist. 1927 verlangten es die Zeitumstände, dass Malewitsch eine beträchtliche Anzahl seiner anlässlich einer Ausstellung in Berlin gezeigten Werke unwiederbringlich zurücklassen musste. 1928 begann mit der radikalen Rückkehr zur Gegenständlichkeit eine neue Etappe in seinem Werk, in der er zu Anfang Teile seines verlorenen Frühwerks rekonstruierte und zurückdatierte. Die Winterlandschaft ist daher möglicherweise die zweite Fassung eines aus der Erinnerung neugemalten Motivs von 1910-11 und entstand in Wirklichkeit nach 1927.

H. BehnT. Nagel