museenkoeln.de | Bild der Woche: Ein "progressiver Künstler Köln"

Ein "progressiver Künstler Köln"

Bild der 49. Woche - 4. bis 10. Dezember 2006

Otto Freundlich, Grün-Rot, 1939, Öl auf Leinwand, 65 x 54,5 cm, Museum Ludwig, Köln, ML 76/03159

Zusammen mit der Entwicklung des russischen Konstruktivismus (s. hierzu BdW 47/2006) war von Paris bis Moskau in den 1920er Jahren eine internationale Avantgarde entstanden, deren gemeinsamer Nenner sich in einem neuen Wirklichkeitsbegriff offenbarte, der zunehmend von der Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über das Verhältnis von Raum und Zeit, über den Kosmos und die Bausteine der Natur geprägt war. 1931 schlossen sich in Paris mehrere abstrakte Künstler zur internationalen Vereinigung „Abstraction – Création“ zusammen, die zeitweise 400 Mitglieder zählte. Erklärtes Ziel der Gruppe war die Förderung der ungegenständlichen Kunst durch gemeinsame Ausstellungen, die bis 1936 regelmäßig durchgeführt wurden und der abstrakten Kunst zum Durchbruch verhalfen. Obwohl sich unter den Mitgliedern Vertreter der unterschiedlichsten abstrakten Richtungen, von konstruktiven Tendenzen bis zur lyrischen und expressiven Abstraktion versammelten (Gabo, Pevsner, Mondrian, Lissitzky, Kandinsky, Freundlich, Arp, Kupka, Magnelli, Baumeister, u.a.), machte sich doch zunehmend eine Gewichtsverlagerung zugunsten der konkreten Kunst bemerkbar, in der die Bedeutung der Form höher bewertet wurde als die der Farbe. Neben den theoretischen Reflexionen beschäftigte sich die Gruppe mit physikalisch-optischen Seheffekten, wie z.B. das raumplastische Farbensehen oder den Flimmereffekt, die anhand von geometrischen Farbkompositionen und malerischen Farbstudien veranschaulicht wurden. Der Schöpfer dieses Bildes Otto Freundlich (Stolp/Pommern 1878 – 1943 im KZ Lublin-Maidanek), Maler und Bildhauer, wohnte in den 1920er Jahren in Deutschland und Frankreich und war einer der wichtigen Vermittler zwischen der deutschen und der französischen Kunstszene. Als Mitglied der Gruppe „Abstraction – Creation“ in Paris und der „Gruppe progressiver Künstler Köln“ hatte er sich in seiner Malerei der Abstraktion mit einem strengen geometrischen Bildaufbau zugewandt. Unser Bild mit dem Titel „Grün-Rot“ wirkt zunächst wie eine einfache Farbübung. Die Komposition setzt sich bausteinartig aus Vierecken und Segmenten in unterschiedlichen Abstufungen von Rot und Grün zusammen, wobei das in der unteren Bildhälfte konzentrierte Rot langsam in das oben gelagerte, komplimentäre Grün einzudringen scheint. Daraus resultiert eine differenzierte Wahrnehmung der Farbqualität. Die auffallend sichtbaren Pinselstriche betonen ihre bloße Materialität, die Abstufungen ihre spektralen Eigenschaften und der Farbkontrast ihr immaterielles Energiepotential. In den abstrakten Formulierungen energetischer Transformationsprozesse spiegelten sich für den sozialistisch orientierten Freundlich sowohl kosmische Kräfte als auch – der Russischen Avantgarde nicht unähnlich - das Veränderungspotential der menschlichen Gesellschaft.

Ch. EschenfelderT. Nagel