Das Erhabene der Nacht

Bild der 1. Woche - 6. bis 12. Januar 2006

Barnett Newman (1905 – 1970), Midnight Blue (1970), Öl- und Acrylfarbe auf Leinwand, 193 x 239 cm, Köln, Museum Ludwig

In den monochromen Bildern des 1905 geborenen amerikanischen Malers Barnett Newman spielt die Größe eine entscheidende Rolle. Sie sind immer „bigger than life“, umschließen den Betrachter wie ein eigener Raum. In ihrer Monumentalität und Wucht besitzen sie etwas zugleich Erschreckendes und Faszinierendes, eine Eigenschaft, die Newman mit dem „Erhabenen“ umschrieb. Dem Erhabenen – in der Philosophie wird oft das Beispiel eines schrecklichen Sturms oder eines Vulkanausbruchs angeführt – muss der einzelne, an sich wehrlose Betrachter standhalten. Doch wenn er standhält, zeigt er sich als fühlendes und denkendes Wesen den unmenschlichen Elementen überlegen. Das schwere, dichte Dunkelblau von Midnight Blue zieht an, verschlingt, lockt in die Tiefe. Das blasse Weiß links und der blendende Streifen Türkis rechts dunkeln das Blau im Kontrast noch mehr ab. Sie geben ihm eine räumliche Tiefe, die es ohne sie nicht hätte. Indem die hellen Farben vertikal durchgezogen ist, sind allzu nahe liegende Vergleiche vermieden, kein verfrühter Sonnenaufgang, kein Horizont, kein Meer, kein Wetterleuchten. Das Drama spielt sich nicht in der Natur ab, sondern in der Konfrontation mit der bloßen Farbe. In zweifacher Hinsicht ist der blendende Streifen noch von Bedeutung: Er teilt die dunkelblaue Fläche so, daß die linke Seite ein Quadrat bildet und formal so der Komposition ein Zentrum verschafft. Ferner ist die schmale Zone seiner Farbe die einzige Stelle des Bildes, an welcher man in den Schwankungen der Farbe die "Hand des Malers" beim Farbauftrag gewahr wird.

J. Friedrich