Galantes Treffen

Bild der 47. Woche - 22. bis 28. November 2004

Auguste Renoir, Das Ehepaar Sisley, 1868, Öl auf Leinwand, 105 x 75 cm, Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, WRM 1165
Pierre-Auguste Renoir, Moulin de la Galette, 1876, 131 x 175 cm, Öl auf Leinwand, Musée d`Orsay, Paris
Disdéri, Pauline und Richard von Metternich, carte de visite, ca 1861
Pierre-Auguste Renoir, Sommer (bekannt als Lise), 1868, Öl auf Leinwand, 85 x 59 cm, Nationalgalerie, Berli

„Ist es nicht ein wunderschöner Tag, meine Liebe? Sollen wir nicht auf ein Tänzchen zur Moulin de la Galette gehen? Dort können wir mit unserem Freund Renoir noch ein Glas Rotwein trinken. Oder möchtest Du zur Badeinsel La Grenouillère fahren und dort den Ruderern zusehen?“ So in etwa könnte man sich den Dialog zwischen Alfred Sisley und der Dame an seiner Seite vorstellen. Auguste Renoir hat das Paar 1868 gemalt. Die Vergnügungsorte wie die "Moulin de la Galette" oder die Badeinsel "La Grenouillère" waren sein bevorzugtes Thema (s. z. B. kleines Bild). Aus diesen Darstellungen hat er Einzelszenen von flanierenden, tanzenden und flirtenden Paaren herausgelöst, wozu wir auch unser Bild zählen können. Renoir ist mit diesen Bildern zum Chronisten seiner Zeit geworden. Denn die großzügigen Grünanlagen, die mit allerlei Vergnügungsmöglichkeiten ausgestattet waren, gehörten wie die groß angelegten Boulevards zur Neugestaltung von Paris durch den Architekten George Haussmann. Napoleon III. hatte diese Sanierung zwischen 1853 und 1870 durchführen lassen. Die großen Prachtstraßen, denen die verwinkelten Gassen zum Opfer fielen, veränderten das Aussehen der Metropole. Hinzu kam die Eingliederung der umliegenden, zum Teil noch ländlichen Gemeinden, so 1860 das auf einem Hügel gelegene Dorf Montmartre. Eine seiner Mühlen, die Moulin de la Galette, wandelte ihr Besitzer zu einem bald florierenden Tanzlokal um. An das preiswerte Lokal, schloß sich im Freien der Tanzboden an. Bei seiner Malerei hat sich Renoir von der Photographie, einem damals noch jungen Medium, anregen lassen. So waren seit den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts in Paris die sogenannten carte de visite ungemein in Mode. Der Pariser Photograph André Adolphe Eugène Disderi hatte diese photographischen Bildnisse im Visitenkartenformat erfunden, die zum beliebten Sammelobjekt wurden (s. kleines Bild 2: carte de visite von Pauline und Richard von Metternich von ca. 1861). Wenn auch spiegelverkehrt, so ist das Ehepaar Metternich in seiner Haltung durchaus mit Renoirs Darstellung des Paares zu vergleichen. Allerdings hat Renoir das Paar nicht in einem Atelier, sondern im Freien festgehalten. Das Gemälde wirkt damit weniger repräsentativ und es überwiegt der Eindruck eines sonntäglichen Spaziergangs, der bei freundlichem Wetter noch diverse Vergnügungen verspricht. Allerdings gibt es Hinweise, daß wir es hier nicht mit einem traditionellen Paarbildnis zu tun haben: Bei genauerer Betrachtung der Dame drängt sich die Vermutung auf, daß nicht etwa Madame Sisley hier Modell gestanden hat, sondern das Lieblingsmodell des Malers, Lise Trèhot. Rechts (kleines Bild 3) sehen Sie ein Porträt, das Renoir im Sommer 1868 von Lise malte: Beurteilen Sie selbst.

E. Klother