Stromkilometer 691,9: Mülheimer Brücke

Bild der 39. Woche - 27. September bis 3. Oktober 2004

Alte Mülheimer Brücke, August Sander, um 1925, Photographie, 21,1 x 29,3 cm (Platte: 13 x 18 cm), Kölnisches Stadtmuseum (Sander - Köln wie es war X,3.6), © VG BILD-KUNST
Mülheimer Brücke, 1929 (oben) und 1951 (unten), Fotos: Stadt Köln

Am 20. Juni 1927 schlug das letzte Stündlein für die Mülheimer Schiffbrücke, die hier auf einer Aufnahme von August Sander aus dem Jahr 1925 zu sehen ist. Festlich geschmückt und unter reger Anteilnahme der Bevölkerung wurde sie abgefahren. Sie mußte Platz machen für die neue, feste Brücke. Die Schiffbrücke selbst, die 1885 ausrangierte Mainzer Schiffbrücke, war erst 1888 an dieser Stelle in Betrieb genommen worden. Bis dahin wurde der Fährverkehr zwischen Köln und Mülheim mit Booten – dem „Müllemer Bötche“ – und Fähren betrieben. Bei den Verhandlung zur Eingemeindung von Mülheim nach Köln (zum 1. April 1914) hatte man sich auf eine feste Brücke geeinigt, aber der folgende Weltkrieg setzte andere Prioritäten. In den 1920er Jahren wurden die Verkehrsverhältnisse jedoch immer kritischer, nicht zuletzt durch den steigenden Verkehr an Motorfahrzeugen. 1925 mußte die Schiffbrücke 31-mal am Tag geöffnet werden, bei einer durchschnittlichen Öffnung von 9 Minuten hieß das, die Brücke war zum Verkehrshindernis geworden. Zudem wich der Verkehr auf die beiden Altstadtbrücken aus. So beschloß die Kölner Stadtverordnetenversammlung im Juli 1926 den Bau einer festen Rheinbrücke zwischen Köln und Mülheim. Man rechnete mit Gesamtkosten von 22 Mio RM. Es wurde – wie üblich – ein Wettbewerb ausgeschrieben und im Februar 1927 enschied sich das Preisgericht für die Bogenbrücke der Fa. Krupp. Oberbürgermeister Konrad Adenauer aber gefiel diese Brücke überhaupt nicht, er plädierte aus ästhetischen Gründen für eine Hängebrücke. Es folgten weitere Entwürfe und Verhandlungen, Vertagungen und Gutachten und schließlich tendierte die Meinung der Stadtverordneten zu einer Hängebrücke, wie sie von einer Anbietergemeinschaft – darunter die Kölner Unternehmen Felten & Guilleaume und Grün & Bilfinger – zum Preis von 13,3 Mio RM vorgestellt wurde. Neben dem ästhetischen Aspekt war auch von Bedeutung, daß bei diesem Bau 58 Prozent der ausgegebenen Gelder in Köln verblieben. Krupp legte ein neues Angebot mit 9,95 Mio RM für eine Bogenbrücke vor. Daraufhin wurden neue Angebote für eine Hängebrücke eingefordert und schließlich votierten die Abgeordneten mit einer Mehrheit aus Zentrum und Kommunisten mit 47 : 36 für eine Hängebrücke zum Preis von 11,09 Mio RM. Die tatsächlichen Kosten (incl. Grundstückserwerb usw.) beliefen sich am Ende auf 16,9 Mio RM. Die 1927 bis 1929 errichtete Mülheimer Brücke war die erste Brücke (s. kleines Bild rechts), die den Rhein in einer Öffnung überspannte. Die Weite von Pfeiler zu Pfeiler betrug 315 Meter sowie 91 Meter Nebenöffnung auf jeder Seite. Die Gesamtstützweite betrug 497,06 Meter. Diese größte Hängebrücke Europas wurde vor 75 Jahren am 13. Oktober 1929 feierlich in Betrieb genommen. Sie hatte aber nur 15 Jahre Bestand: Am 14. Oktober 1944 wurde sie als erste Kölner Rheinbrücke bei einem Luftangriff zerstört. Schon bald nach Kriegsende stand fest, daß die Mülheimer Brücke wieder errichtet werden sollte. Im September 1949 entschied sich die Kölner Stadtverordnetenvertretung für eine erdverankerte Hängebrücke (angeboten von Kölner Firmen). Nicht zufällig begannen am 13. Oktober 1949 die Bauarbeiten, am 8. September 1951 folgte die feierliche Einweihung, an der auch Bundeskanzler Adenauer teilnahm.

R. Wagner