An einem seidenen Faden ....

Bild der 41. Woche - 11. bis 17. Oktober 2004

links: Utagawa Kuniyoshi (1798-1861): Der Feldherr Inagawa Jibunotayû Minamoto no Yoshimoto Serie: Taiheki eiyûden (Heldengeschichten des Taiheki), Blatt 2 Farbdruck, ôban-Format Japan, Edo-Zeit, um 1850 Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, R 63,6 rechts: Kumihimo, mehr als nur eine Schnur Foto: Walter Kroll
Das Kumihimo im Entstehen Foto: Walter Kroll

hing im wahrsten Sinne des Wortes das Leben eines japanischen Kriegers (Kumihimo) - genauer gesagt, an mehreren zu einem Band geflochtenen Seidenfäden. Ein Band in der Dicke eines Schnürsenkels spielt eine "tragende" Rolle bei den zahlreichen kleinen Metallplättchen, aus denen eine japanische Rüstung besteht. Nicht jedes x-beliebige Band kann die hohen Anforderungen dafür erfüllen. Es muss sowohl elastisch wie auch stabil sein, dazu leicht zu knoten, aber schwer zu öffnen. Alle diese Eigenschaften erfüllt das Produkt einer aus dem asiatischen Kontinent nach Japan eingeführten Flechttechnik: Kumihimo. Prächtig gefärbte Seidenfäden werden auf variationsreiche Art schräg miteinander verflochten. Zu Beginn seiner "Karriere" hatte Kumihimo eine eher zeremonielle, dekorative Bedeutung im Zusammenhang mit den buddhistischen Schriften und den Gewändern der Priester. Die vielfältigen Mustermöglichkeiten und Farben des Kumihimo dienten jedoch auch bald dem japanischen Adel als Statussymbol, sozusagen als Rangabzeichen. An den Kleidern oder Kunstschwertern der Adligen als Zierde angebracht, erkannte das Gegenüber an der Art der Bänder sofort, ob er es mit einem Vorgesetzten oder Untergebenen zu tun hatte. Kumihimo gehörte mit zum Bildungskanon der adeligen Damen. Für die Herstellung eines 3 Meter langen Schwertzierbands der höchsten Adelskreise wurden zwei Jahre benötigt. Mit den kriegerischen Zeiten ab dem 12. Jahrhundert trat die Funktionalität des Kumihimo in den Vordergrund. Allein um die vielen Einzelteile einer einzigen Rüstung zusammenzubinden, benötigt man ein etwa 300 Meter langes Band! Kumihimo ist daher ein unverzichtbarer Bestandteil, die Rüstung sozusagen ein Kumihimo-Kunstwerk. In den kämpferischen Auseinandersetzungen waren Reparaturen an den Rüstungen unvermeidbar. Und so kam es, dass selbst harte Soldaten dieses sonst von zarten Hofdamen betriebene Kunsthandwerk beherrschen mussten. Dem Kumihimo fiel noch eine weitere, sozusagen "lebenswichtige" Aufgabe zu: Um in den Kriegswirren zur Ruhe zu kommen, zelebrierten die Feldherren die Teezeremonie. Da sich das grüne Teepulver, das mit einem Rührbesen und heißem Wasser direkt in der Schale aufgeschäumt wird, aber auch hervorragend dazu eignete, einen Feind durch Gift aus dem Weg zu schaffen, nutzte man Kumihimo als Sicherung. Die Beutel, in denen die Teegefäße aufbewahrt waren, wurden mit einem komplizierten Siegelknoten verschlossen. Die Lösung des Knotens durch einen Uneingeweihten wäre sofort aufgefallen. Das hierbei notwendige Erfinden neuer Knotentypen wirkte sich auch auf die Vielfalt der Knoten aus. So wurden im Laufe der Jahre mehr als 500 Variationen von Knoten entwickelt. Heute betrachtet man Kumihimo - wie auch die Teezeremonie - als einen "Weg", eine meditative Tätigkeit, die zur Ruhe und inneren Einkehr führen soll.

B. CleverJ. Welzel