Carl Spitzweg, "Gähnender Mönch"

Bild der 37. Woche - 13. bis 19. September 2004

Carl Spitzweg (München 1808 - 1885 München) "Gähnender Mönch", um 1850 gemalt; Öl auf Leinwand, 54,5 x 32,5 cm; Wallraf-Richartz-Museum, WRM Dep. 83, seit 1966 Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland

Um 1850 entstanden, zeigt das Bild den kleinen Vorhof einer Klause. Blumentöpfe, ein an der Wand hängendes Vogelbauer, Weinranken und ein großes Heiligenbild verleihen diesem Höfchen eine intime, freundliche Atmosphäre, die noch durch das kräftige, einfallende Sonnenlicht verstärkt wird. Hier nun, vor einem abgedeckten Brunnenzulauf, sitzt der Mönch auf einer niedrigen Holzbank gegenüber dem Eingang zur Klause. Er hat die Beine übereinandergeschlagen, ist streng im Profil gegeben und scheint auf den ersten Blick zu meditieren. Erst bei genauer Betrachtung des Gesichtes wird deutlich, daß der Unterkiefer fast vollständig durch den Rand der Kapuze verdeckt ist, der Mönch also sehr herzhaft gähnt. Spitzweg liebte es, in seinen Bildern die kleinen, läßlichen Sünden, das allzu Menschliche des Menschen mit Humor darzustellen. Das Kunstmittel der Übertreibung, das im allgemeinen nur der Zeichnung vorbehalten ist und in der Karikatur seine Berechtigung und Notwendigkeit hat, wird von Spitzweg in virtuoser Weise in der Malerei eingesetzt. 0b er nun einen Wachtsoldaten malt, der insgeheim strickt, oder einen ganz in Schwarz gekleideten Witwer, der schon begehrliche Blicke auf ein an ihm vorbeigehendes Mädchenpaar wirft, ob er zwei sich sehr unchristlich streitende Mönche malt oder einen Eremiten, der sein gerade am Spieß gebratenes Geflügel erschreckt vor dem herannahenden Geistlichen zu verbergen sucht, stets leben seine Kompositionen von der Übertreibung, wirken dadurch komisch und haben daher, auch weil sie eine gesellschaftskritische Komponente ganz vermissen lassen, damals wie heute bei einem breiten Publikum großen Erfolg gehabt.

G. Czymmek