Rosen-Roman

Bild der 40. Woche - 4. bis 10. Oktober 2004

Emil Nolde, Rote und gelbe Rosen, 1907, Öl auf Leinwand, 64,5 x 83 cm, Museum Ludwig, ML 76/2759

„Die Sonne scheint, die Sonne scheint, das ist der Zauber, die Blumen wachsen, die Wurzeln strecken sich, das ist der Zauber. Leben und stark sein, das ist der Zauber, er ist in mir, er ist in uns allen.“ Dieses schöne Zitat stammt nicht von Emil Nolde, dessen Gemälde ‚Gelbe und rote Rosen“ wir hier sehen, Frances Hodgson Burnett läßt ihre Romanheldin Mary in ‚Der geheime Garten‘ diese Sätze sprechen. Dabei hätte der Maler Emil Nolde diese ebenso sagen können. Den Zauber, den ein Garten auf uns Menschen ausübt, hat der Künstler in seinem Gemälde hier zum Ausdruck gebracht. Eine intensive Farbenpracht überzieht die Leinwand. Man spürt förmlich die warme Luft des Sommertages und atmet den voll entfalteten, schweren Duft der aufgeblühten Gartenrosen ein, vielleicht hört man das Summen einer emsigen Hummel oder das Knirschen der eigenen Füße auf dem Gartenweg. In seinen Lebenserinnerungen sagt Emil Nolde: „Die blühenden Farben der Blumen und die Reinheit der Farben, ich liebte sie.“ Und noch etwas besonderes führt er aus: „Die Farben der Blumen zogen mich unwiderstehlich an und fast plötzlich war ich beim Malen. Es entstanden meine ersten Blumenbilder.“ Etwas ähnliches muß das Waisenkind Mary im Roman erlebt haben, als sie unglücklich am düsteren Schloß ihres Onkels Lord Craven einen verwunschenen, verlassenen Garten entdeckt. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Mary etwas gefunden, was sie begeistert. So muß es wiederum Emil Nolde ergangen sein, als er die blühenden Gärten seiner Nachbarn im Dörfchen Alsen an der Nordsee als Maler entdeckte. An den Blumen im Garten faszinierte ihn, daß er so hautnah ihr Schicksal miterleben konnte: „empor sprießend, blühend, leuchtend, glühend, beglückend, sich neigend, verwelkend, verworfen in der Grube endend“. Die Autorin des „Romans ‚Der geheime Garten‘ beschreibt in ihrer Geschichte die Welt durch die Augen eines Kindes, daß den geheimen Garten durch ihre Liebe zum Leben erweckt und wie die Pflanzen selbst erwacht und als Mensch reift. Dieser äußere Garten hat eine Entsprechung in der Seele des Mädchens Mary. Auch Emil Nolde verknüpft die Natur seiner Landschaften mit inneren Vorstellungen und Empfindungen. Gerade das macht er zum Thema seiner Kunst und ist wie kaum ein anderer Künstler in der Lage, das Erleben von Natur in dieser Ausdrucksdichte darzustellen. Der Künstler hat nach unserem schönen Gartenbild von 1907 eine lange Zeit nur ganz wenige Blumenbilder gemalt. Er entschließt sich 1927 einen Garten an seinem Hof in Sebüll anzulegen. Hier läßt er sich inspirieren und gerade Blumen waren seine besondere Leidenschaft, die er immer wieder malte. Später hatte Nolde in der Zeit als Hitler Deutschland regierte, sehr schlimme Erlebnisse zu ertragen. Man verhing ein Berufverbot, aber trotz der Androhung von schlimmen Strafen malte er heimlich seine sogenannten ungemalten Bilder. Sie waren eine lange Zeit sein Geheimnis. Emil Nolde hat die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus überlebt und seine großartigen Bilder werden alle Zeiten überdauern. Die Geschichte geht also gut aus und hat sogar eine Moral. Deswegen soll Mary noch einmal zu Wort kommen, die genau dieses erkennt: „Wo du eine Rose züchtest mein Freund, kann keine Distel wachsen.“

K. Brambach