Allerheiligen im Bild

Bild der 44. Woche - 2. bis 8. November 2004

Meister der Verherrlichung Mariens, Die Verherrlichung Mariens, um 1470, Eichenholz, 163 x 197 cm, Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, WRM 0119
Jan van Eyck, Die Anbetung des Lammes, Detail aus der Mitteltafel des Genter Altares, 1432, Gent, St. Bavo
Die Namen der dargestellten Heiligen und Rekonstruktion der ausgeschnittenen Tafel

Allerheiligen – oder verständlicher – das Fest aller Heiligen ist ein sehr altes Fest der katholischen Kirche. Erste Wurzeln finden sich in dem Gedenktag an alle Märtyrer, den Ephräm der Syrer (gest. 373) am 13. Mai feierte und in dem „Herrentag aller Heiligen”, den man bei Johannes Chrysostomus (gest. 407) am Sonntag nach Pfingsten findet. In Rom gab es seit etwa 27 oder 25 vor Christus einen Tempel, der „allen Göttern“ (= Pantheon) geweiht war. Nachdem dieses heute noch erhaltene und durch einen gewaltigen Rundbau und dessen Kuppel eindrucksvolle Bauwerk vom byzantinischen Kaiser im Jahre 608 dem Papst geschenkt worden war, erhielt es eine neue Bestimmung. Papst Bonifatius IV. weihte es am 13. Mai 609 oder 610 der Gottesmutter und allen Märtyrern: Sancta Maria ad Martyres. Nun hatte auch der Westen ein Fest, das an alle Märtyrer erinnerte. Dieser Weihetag des Pantheons und ein in Irland und England eingeführter Gedenktag aller Heiligen wurde dann im 9. Jahrhundert zu einem Fest am 1. November verbunden und im Jahr 839 als Gedächtnistag auf die ganze Kirche ausgedehnt. Selbstverständlich war das Allerheiligenfest seit dem Mittelalter auch Gegenstand der Kunst. Welche Bildvorstellung verbanden die Künstler nun mit diesem Thema? Naheliegend war das Bild der Heiligen im Himmel, wie es im Neuen Testament vom Evangelisten Johannes in der Apokalypse geschildert wird:
Nach diesem sah ich: und siehe, eine große Volksmenge, die niemand zählen konnte, aus jeder Nation und aus Stämmen und Völkern und Sprachen, stand vor dem Thron und vor dem Lamm, bekleidet mit weißen Gewändern und Palmen in ihren Händen. (Apk. 7,13).
Die Heiligen bzw. Märtyrer (Palmen als Symbol des Martyriums) stehen im Himmel vor dem Thron Gottes und dem Lamm (Symbol für Christus). Die wohl bekannteste Umsetzung dieses Themas findet man im Mittelbild des Genter Altares von Jan van Eyck (s. kleines Bild) aus dem Jahre 1432. Die hier gewählte Lösung der in Gruppen dargestellten Heiligen läßt zwei Prinzipien erkennen, die sich auch auf vielen anderen Darstellungen von (Aller-)Heiligen wiederfinden lassen: Das Gruppieren nach bestimmten Kriterien (meist weibliche und männliche Heilige bzw. Märtyrer und Nicht-Märtyrer = Bekenner) und das Identifizierbarmachen von einzelnen, meist am vorderen Rand der Gruppe stehenden Heiligen. Dieses Bild der Woche zeigt nicht die Anbetung des Lammes durch die Schar "aller Heiligen", auch wenn sowohl das Lamm in der Bildmitte unten als auch die drei Göttlichen Personen der Dreifaltigkeit (oben links und rechts sowie auf Mariens Schoß) gegenwärtig sind. Das Werk trägt vielmehr den Titel "Verherrlichung Mariens". Hier wird Maria als die Königin der Heiligen präsentiert. Sie sitzt umgeben von "allen Heiligen" auf dem Thron und Engel halten eine Krone über ihrem Kopf. Die Heiligen auf der Erde sind in zwei Gruppen aufgeteilt: links die weiblichen Heiligen, angeführt von der Hl. Katharina, und rechts die männlichen, angeführt vom Hl. Johannes dem Täufer, der auf sein Attribut, das Lamm, hinweist. Mit der zentralen Anordnung des Lammes schlägt der Maler hier zwei Fliegen mit einer Klappe: Er erinnert an den traditionellen Zusammenhang der Darstellung "aller Heiligen" und er benennt Johannes den Täufer durch dessen Attribut. Anhand der Attribute sind viele der Heiligen in den ersten Reihen zu beiden Seiten zu benennen (s. kleines Bild). Diese Tafel der "Verherrlichung Mariens" stammt vom sogenannten "Meister der Verherrlichung Mariens", einem Maler der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, der nach diesem Werk seinen Notnamen erhielt. Man kennt eine Reihe seiner Gemälde, kann ihm aber keinen der urkundlich bekannten Namen Kölner Maler zuordnen. Es scheint so zu sein, daß dieses Gemälde wohl ein Altarbild war, jedoch keine Flügel besaß, also kein Triptychon gewesen ist. Darauf deuten auch alte, heute zugekittete Schnittspuren hin. Demnach war die Darstellung Mariens einmal aus der Gesamttafel herausgeschnitten (s. kleines Bild). Die Ursache hierfür ist nicht mehr zu klären. Vermutlich sollte dadurch die Möglichkeit geschaffen werden, das Altarbild an dieser Stelle aufzuklappen. Das Gemälde stammt ursprünglich aus der Kölner Pfarrkirche St. Brigida, die bis zu ihrem Abriß zu Beginn des 19. Jahrhunderts in unmittelbarer Nähe zu Groß St. Martin lag.

T. Nagel