Tod vor 60 Jahren!

Bild der 43. Woche - 25. bis 31. Oktober 2004

Bert May, Die Gehängten, 1945, Öl auf Karton, 90 x 71 cm, Kölnisches Stadtmuseum (KSM 1984/654)

Am 25. Oktober 1944, diese Woche vor 60 Jahren, wurden auf persönlichen Befehl Ernst Kaltenbrunners, Chef des Sicherheitsdienstes (SD), elf Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion in der Köln-Ehrenfelder Hüttenstraße öffentlich erhängt. Knapp zwei Wochen darauf, am 10. November, wurden am gleichen Ort dreizehn Kölner Bürger dem Henker überführt. Als Begründung für die Exekutionen wurden Diebstähle und bewaffneter Widerstand angegeben. Alle Männer starben ohne Gerichtsurteil. Der Kölner Maler Bert May, geboren 1921, war Augenzeuge einer dieser Hinrichtungen. Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft ließ May im Jahre 1945 jene Szenerie des Horrors in seinem Gemälde „Die Gehängten“ wieder auferstehen. Die geschorenen Köpfe und die einheitliche, spärliche Bekleidung der Opfer lassen dabei auf die Ermordung der Zwangsarbeiter schließen. Der Betrachter wird Zeuge des Tötens, mehr noch, der Entmenschlichung. Doch unweigerliches Wegschauen, damals wie heute, kann nicht das Gesehene auslöschen. Ein letztes Winden des Lebenden, das Reißen gefesselter Hände im verzerrten Krampf, der starre Blick ins Nichts, ein verstummter Körper – am Ende nur noch das Abbild eines Schatten am Galgen, spiegeln als Bildnis des Grauens die Realität des Alptraums nationalsozialistischer Diktatur wieder, die sich längst auch gegen die eigene Bevölkerung gerichtet hatte. Der Aufschrei des Entsetzens und die sich abwendende Scham der Zuschauer werden durch eine schier endlose Häme des herabblickenden Henkers besiegt. Er steht als personifizierte Macht über Leben und Tod. Gespenstisch muten die gesichtslosen Massen im Hintergrund der Todesstätte an, die zu einer Wand der Ausdrucks- und Gefühllosigkeit verschmolzen sind. Im Angesicht des Untergangs setzte das nationalsozialistische Regime auch in den letzten Monaten seiner Herrschaft auf Terror und Vernichtung. Öffentliche Hinrichtungen nahmen in dem Maße zu, wie die Trümmerwelt des „tausendjährigen Reiches“ im täglichen Bombardement der Alliierten und der fanatischen Führerfolgsamkeit des faschistischen System anwuchs. Die Lebens- und Überlebensbedingungen für die Bürger verschärften sich zunehmend. Noch dramatischer gestaltete sich die Situation für die Zwangsarbeiter aus den von Deutschland überfallenen Ländern. Über sieben Millionen Menschen wurden von 1939 - 1945 in Lagern als rechtlose Arbeitssklaven für die heimischen Unternehmen gehalten. Allein für das weitgehend bereits entvölkerte Köln schätzt man ihre Zahl gegen Ende des Krieges auf 100.000. Als Opfer des Totalitarismus lebten sie zwischen den Fronten. Viele ließen bei den unmenschlichen Arbeitsbedingungen in den Industriebetrieben oder bei den Luftangriffen der alliierten Streitkräfte ihr Leben. Wem die Flucht gelang, tauchte in den verwüsteten Städten unter. Vereinzelt entstanden Widerstandsgruppen. Doch auch die städtischen Bürger erkannten bald die Ohnmacht des NS-Regimes. Sie begannen für sich selbst zu sorgen. Der Handel auf dem Schwarzmarkt offenbarte den alltäglichen Überlebenskampf. Durch die zunehmenden existentiellen Nöte breiteten sich zudem Delikte wie Raubüberfall und Diebstahl in der Bevölkerung aus. Für die Nationalsozialisten war diese Entwicklung Anlass zur äußersten Vorgehensweise. Im Januar 1945 legitimierte die Reichsführung Hinrichtungen für „Gesetzesbrecher“ ohne vorherige Gerichtsverhandlung. Allein in Köln fielen dieser Willkür mehr als 2000 Menschen zum Opfer – erschossen, erhängt oder durch Folter in den Kellern der Gestapo gewissenlos umgebracht.

T. Dahl