Dramatik im Kleinen

Bild der 39. Woche - 29. September bis 6. Oktober 2003

Johann Peter Schwanthaler, d. Ä. Altarmodell, um 1778 Lindenholz, 97 x 56 x 24 cm Köln, Museum Schnütgen, A 961
Johann Peter Schwanthaler, d. Ä. Detail des Altarmodells

Besucht man eine zur Zeit des Barock oder Rokoko erbaute Kirche, so begegnet man fast immer beeindruckenden Altären – sei es in einer Metropole, sei es auf dem Lande: Groß, figuren- und farbenreich, zumindest dem Augenschein nach aus kostbaren Materialien errichtet, dramatisch in er Schilderung des Geschehens. Dieses „Beeindrucken“ des Betrachters war ein wichtiges Ziel, welches die Schöpfer der Altäre im Augen hatten. Was bei einem mittelalterlichen Flügelalter mit seinen Bildtafeln noch möglich war, nämlich das ausschließlich zeichnerische Entwerfen und Planen des Altares, war im Barock und Rokoko kaum noch durchführbar. Die nun auch in der dritten Dimension raumgreifenden Entwürfe benötigten das Modell. Nur so war das Zusammenspiel der einzelnen plastischen Teile und Raumebenen zu überprüfen und nicht zuletzt war nur so dem Auftraggeber die Möglichkeit gegeben, sich die Wirkung des Altares vor Augen zu führen. Es ist bisher nicht bekannt, für welche Kirche dieser hier im Modell gezeigte Altar geplant und ob er überhaupt in dieser Form realisiert wurde. Stilistisch ordnet man ihn dem Bildhauer Johann Peter Schwanthaler dem Älteren (1720 – 1795) zu. Dieser gilt als Hauptmeister des Rokoko in Oberösterreich. Betrachtet man dieses kleine Modell aus der Perspektive, die der Betrachter in der Originalgröße gesehen hätte oder hat, in Augenhöhe mit dem drehbaren Tabernakel oberhalb der Altarplatte, so kann man die eindrucksvolle Inszenierung der Passionsszene unter dem Kreuz nachvollziehen. Über den beiden etwa lebensgroßen Engeln zu Seiten des Tabernakels fällt der Blick auf Maria, der Johannes herbeieilend hilft. Ein Hauptmann links und zwei weitere Figuren rechts flankieren das Geschehen (s. Detailbild rechts). Durch die abschwingende Bewegung der Gruppe wird der Blick weiter zu den Seiten geführt. Außen stehen zwei Apostel, links Petrus, rechts Paulus. Deren erhobener Blick lenkt den Betrachter auf Christus am Kreuz. Deutlich erkennt man, daß über die Apostel und den Kopf Christi die Komposition in ein gleichschenkliges Dreieck eingepaßt ist. Über dem Kreuz sieht man Gottvater thronend. Sein nach unten gerichteter Blick und die ausgestreckten Arme beschließen die Aufwärtsbewegung. Auf gleicher Höhe, rechts und links, halten Engel schwere Vorhänge zurück, durch die dem Betrachter erst der Blick in den Himmel geöffnet wurde. Setzt man die Maße des Altartisches in Relation zum Originalmaß, so wird dieses kleine Modell aus dem Kölner Museum Schnütgen wohl im Maßstab 1:10 angefertigt worden sein, der Altar hätte damit eine Gesamthöhe von 9,70 Metern.

T. Nagel