Camping an der Lorelei

Bild der 40. Woche - 6. bis 13. Oktober 2003

Chargesheimer (Carl-Heinz Hargesheimer) „ Camping an der Lorelei“, aus: „Menschen am Rhein“, 1960 Maße: 30,6 x 23,3 cm Museum Ludwig, Köln, ML/F 1981/99 Museum Ludwig, Köln, ML/F 1981/99

Chargesheimer, geboren am 19.5.1924 in Köln, war im Laufe seines Lebens nacheinander und nebeneinander als Maler, Bildhauer, Photograph, Lichtgraphiker, Erfinder kinetischer Maschinen, Bühnenbildner und als Regisseur tätig. Bekannt wurde er aber vor allem durch seine Photographie. Er machte sich zunächst einen Namen als Porträtphotograph und etablierte sich ab 1955 freischaffend mit einem eigenen Atelier in Köln in der Zülpicher Straße. Es entstanden – neben Auftragsporträts Kölner Bürger – Aufnahmen von internationalen Spitzenstars wie Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Jean-Paul Belmondo, Josephine Baker, aber auch eine Reihe Bilder wichtiger deutscher Politiker, wie zum Beispiel ein berühmt gewordenes Porträt Konrad Adenauers. All seine Porträts sind gekennzeichnet durch einen engen Ausschnitt und einen klaren, verdichtenden, nichts beschönigenden Blick. Chargesheimer‘s photographische Leistung konzentriert sich vor allem auf die Zeit von 1957-1961: in dieser Zeit sind 8 seiner (11) Photobildbände produziert worden, die für die photojournalistische Betrachtung bahnbrechend waren und heute noch als vorbildlich angesehen werden. Auch diese Aufnahmen zeugen von einem nüchternen und aufrichtigen Blick, ohne künstliche Effekte, ohne jedes Schielen nach Wirkung. Auch in seinem Bildband „Menschen am Rhein“, aus dem unser Bild „Camping an der Lorelei“ stammt, zeigt Chargesheimer nichts von dem in Deutschland verbreiteten romantischen Mythos des Rheins, sondern Landschaften, Dörfer, Städte und Menschen ohne Sentimentalität. Der Duisburger Hafen findet hier ebenso seinen Platz wie Straßenarbeiter bei Kaub, Rheinschiffer, Touristenströme zum Drachenfels, ein Volksfest in Köln, das Rheinufer bei Nebel, oder ein älteres Paar auf Campingstühlen beim beschaulichen Picknick am Ufer des Rheins, wie es unsere Abbildung zeigt. Auf dem Rheinufer gegenüber der Lorelei haben sie sich zu einem Picknick niedergelassen. Auf zwei mitgebrachten Campingstühlen und an einem kleinen runden Tisch schmausen und plaudern sie, während im Hintergrund die „Düsseldorf“ mit vielen Touristen an Deck vorbeizieht. Völlig selbstvergessen sitzen sie da, auf sich bezogen, als würde die Welt um sie herum und das Fleckchen Erde, das sie sich zum Picknicken ausgesucht haben, gar nicht existieren. Der Photograph ist sehr nahe an sie herangetreten, die Kamera registriert die achtlos herum liegenden Dinge und die sorgsam im Gras verkeilte Kaffeekanne, die von der Sonne beschienenen Grashalme, die Büschel und Steine auf dem Boden. Offensichtlich kam es dem Photographen nicht auf eine aufgeräumte, sorgfältig aufgebaute Szene an, sondern auf die Menschen in ihrer Umgebung, auf Bilder, die das Leben so widerspiegeln, wie es ist und gerade aus dieser Realistik ihre Überzeugungskraft gewinnen. So hat der Photograph sich nicht bemüht, die leere Tüte, das Butterbrotpapier und die achtlos zur Seite gelegte Tasche zu entfernen. So hat er die Frau nicht gebeten, sich umzudrehen, um in die Kamera zu schauen, sondern hat sie, so wie sie da sitzt, von hinten fotografiert. Und so hat er nicht gewartet, bis das Gesicht des Mannes – durch seine linke Hand ein wenig verdeckt - wieder ganz zu sehen ist, sondern hat ihn in dem Moment erfaßt, in dem er sich gerade mit den Fingern hungrig etwas vom Picknick in den Mund stopft. Dabei hat der Betrachter das Gefühl, die Szene tatsächlich zu beobachten, denn die Rückenansicht, der herumliegender Abfall und die Gestik des Mannes bezeugen die Wirklichkeit der Szenerie. „Ich will immer mehr fotografieren vom aktuellen Leben, um allen zu zeigen und sie wissen zu lassen und ihnen erklären, was sie nicht sehen können, denn sie sind vielleicht zu nahe am Geschehen oder sie fliehen es, oder sie haben Angst davor. Ich will ihnen die Welt zeigen, wie sie ist, unsere Welt in all ihrer Härte, ihre Fremdheit, ihre Heiterkeit und Schönheit.“ (Chargesheimer 1957). Mit dieser Photographie ist es Chargesheimer gelungen, einen Moment der Freizeit zweier Menschen in einer besonderen poetischen Einfachheit festzuhalten.

M.-K. Grüter