Sechs auf einem Bild
Eine Simultandarstellung des späten Mittelalters

Bild der 35. Woche - 26. August bis 2. September 2002

Meister der Ursula-Legende, um 1480, 135,2x156 cm (Tafelgröße), 132x155cm (Bildgröße) Eichenholz; Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, wrm 47

"Ganz schön anmaßend, der Leidensweg Christi ohne Goldhintergrund und ohne Heiligenscheine", vielleicht wird das der in Köln lebende Betrachter um 1480 gedacht und sich verständnislos von dem Gemälde des Meister der Ursula-Legende abgewandt haben. In Köln war man noch nicht ganz vertraut mit reinem Landschafthintergrund, weswegen auch vermutet wird, daß der Meister der Ursula-Legende seine Ausbildung in den Niederlanden erhalten hat. Der Landschaftshintergrund diente dem Maler als Kulisse, in die er seine Erzählung einfügen konnte. Und was wird uns erzählt? Wir sehen die Kreuzigung Christi als Hauptszene im Vordergrund einschließlich des gesamten Personals, das hierbei nicht fehlen darf: den beiden Schächern links und rechts von Jesus am Kreuz, Maria, Johannes, Maria Magdalena und zwei weitere Frauen trauernd zur Linken am Fuße des Kreuzes Jesu sowie Longinus, Stephaton und der gute Hauptmann mit einem Begleiter zur Rechten. Doch wie ist das zu verstehen? Wird Jesus nicht auch hinten in der Stadtansicht gezeigt? Sehen wir uns die Nebenszenen genauer an, so stellen wir fest, daß Jesus, Maria; Maria Magdalena und Johannes im Bild mehrfach vorkommen. Es werden also mehrere Szenen wiedergegeben, deren zeitliche Abfolge durch verschiedene Örtlichkeiten und perspektivische Verkürzung im Bild festgehalten werden. Wie einen Film kann der Betrachter diese Erzählsituationen an seinem Auge vorbeilaufen lassen. Die Erzählung beginnt links im Bildhintergrund. In einer Stadtansicht (siehe Detail1) wird Christus vor Pilatus gezeigt. Aus dem Stadttor treten Maria, Johannes, Maria Magdalena und weitere Frauen, denen Veronika ihr Schweißtuch zeigt (siehe Detail 2). Folgt man dem Weg in den Vordergrund, so sieht man hier Christus unter dem Kreuz zusammenbrechen. Die Kreuzigung findet hervorgehoben auf einem Hügel statt, Golgatha, die Schädelstätte. Auf der rechten Seite folgt die Grablegung und schließlich sieht man im Hintergrund wie der auferstandene Christus die Vorväter aus der Vorhölle befreit (siehe Detail 3). Welche Verwendung mag ein solches Bild wohl gehabt haben? Es fällt auf, daß Maria Magdalena, die hinter dem Kreuzesstamm, um den sie die Arme geschlungen hat, kniet sich auf Blickhöhe des Betrachters befindet und diesen frontal ansieht. Ihre Hervorhebung und das Wappen der Familie Quattermarkt in der linken Bildecke haben zu der Vermutung geführt das Bild habe sich ursprünglich im Kloster St. Maria Magdalena auf dem Eigelstein befunden. Maria Magdalena wurde als Patronin der reuigen Sünderinnen verehrt. Sie war daher als Namenspatronin des, auch Reuerinnenkloster genannten, Konvents für vom Pfad der Tugend abgekommene aber bekehrte Mädchen besonders geeignet.

E. Klother