Eine antike Schönheitskonkurrenz
Das Parisurteil des Hans Dauher (Daucher)

Bild der 34. Woche - 19. bis 26. August 2002

Museum für Angewandte Kunst, mv. H 1184, Hans Dauher (um 1485/88 - 1538), datiert 1522, Höhe: 20 cm, Breite 14,5 cm, Vergoldete Bronze

Welch merkwürdige Darstellung! Da liegt ein jugendlicher Ritter in voller Rüstung an einem Brunnen und schläft, während um ihn herum drei schöne, entblößte Frauen zu sehen sind. Wollen sie ihn wecken und ihn gar verführen? Was Dauher hier im Jahre 1522 - auf dem Stein unterhalb von Pfeil und Bogen ist die Jahreszahl zu lesen - darstellt, ist eine Szene aus der antiken Mythologie: Das Urteil des Paris. Beim Festmahl einer mythischen Hochzeit hatte Eris, die Göttin der Zwietracht, die nicht eingeladen worden war, einen Apfel oder eine Kugel in die Festversammlung geworfen, worauf zu lesen war: ,,Der Schönsten". Sogleich entbrannte heftigster Streit zwischen Venus, der Göttin der Schönheit und Juno, der Göttin der Familie sowie Athena, der Göttin der Künste und Wissenschaften. Eine jede wollte die Schönste sein. Da Jupiter mit mindestens zweien von ihnen, nämlich mit Juno und Athena, verwandt ist, mochte er die Sache nicht entscheiden. Paris, ein Königssohn aus Troja, sollte die Schönheitskonkurrenz beenden. So führte der Götterbote Merkur die Göttinnen zu Paris, die ihn alle bestechen wollten. Paris entscheidet sich für Venus, die ihm nämlich die schönste Frau, Helena und deren Liebe, versprochen hatte. Paris raubte später die verheiratete Helena und entführte sie nach Troja. Um sie zurückzuholen, begannen die Griechen den Trojanischen Krieg. In der mittelalterlichen Dichtung erlebt Paris das Erscheinen der Göttinnen meist als Traumvision. Im Traum spricht er auch das Urteil, weshalb er auch auf dem Relief am Brunnen liegt und schläft. Schlafend wird, was ganz ungewöhnlich ist, auch Merkur dargestellt, der im Mittelgrund des Reliefs zu sehen ist. Die Göttinnen zeigen sich Paris, zur besseren Beurteilung ihrer körperlichen Qualitäten, nackt. Was in der Antike nur in der Dichtung vorkommt, nämlich, daß sich Athena und Juno Paris nackt zeigen, das wird seit dem Mittelalter in der bildenden Kunst regelmäßig dargestellt. So wird dokumentiert, daß es sich um heidnische Götter handelt, die einer verdorbenen Welt entstammen. Doch was ist das? Zwei Göttinen, nämlich die linke und die mittlere, halten als Siegeszeichen eine Kugel in der Hand. Hat sich Dauher geirrt? Das Parisurteil wurde lange sehr stark moralisch gedeutet. Paris, der junge, triebhafte Mann, entscheidet sich für den schlechtesten aller Lebenswege, den wollüstigen Weg. Er wendet sich von Weisheit und Tugend ab. Seit dem frühen 16. Jhdt. setzt jedoch in der Interpretation des Parisurteils eine Wandlung ein. Nun beginnt man zu erkennen, daß alle Lebenswege gute und schlechte Seiten aufweisen. So ehrt Paris zwei Göttinen. Da allen Göttinnen die Attribute fehlen, müssen wir raten, wen der Prinz außer Venus ehren wollte...

Th. Blisniewski