"Das kann mein Kind auch...." -- Die Rezeption eines Bildes

Bild der 31. Woche - 27. Juli bis 8. August 1998

Zitate aus Briefen anläßlich des Erwerbes von Mondrians Bild 'Tableau I'

Als vor etwas mehr als 30 Jahren, im Januar 1967, das abstrakt-geometrische Werk "Tableau I" des holländischen Malers Piet Mondrian (1872 - 1944) für das Wallraf-Richartz-Museum erworben wurde, kam es - informiert durch seriöse Zeitungen sowie durch die Boulevardpresse - zu heftigen Reaktionen der Öffentlichkeit, die sich in einer Flut von Leserbriefen und Briefen an das Museum niederschlugen. Die Wellen der Empörung über den Kaufpreis von 440.000 DM und über die Art des 1921 entstandenen Bildes schlugen hoch. Die Äußerungen reichten von Verwünschungen wie " ... des Gott sei Dank schon verstorbenen Künstlers...." über Deklassierungen "...das kann jeder Tapetenmaler" bis hin zu provokativen Flugblättern und Drohungen "... denn dann habe ich dem Kunstwerk mit einem Rasiermesser den verdienten Garaus gemacht". Auch wurden für die Verwendung des Kaufpreises alternative Vorschläge angeboten wie "...Ich male hochwertige Degas und Van Goghs, die ich Ihnen zum Kauf anbiete..." oder "...Bundesminister Strauß hätte damit ein Loch in der Bundeskasse stopfen können". Karikaturen wurden in der Presse veröffentlicht und im Karneval wurde das Bild Thema eines Wagens im Veedelszog. Die Stimmung in der Bevölkerung war derart emotionsgeladen, daß der Museumsdirektor Prof. Gert von der Osten aus Sicherheitsgründen das Bild aus der Galerie entfernte. Vor dem Bild hatten sich bereits erregte Gruppen zusammengerottet. Kritik über den Ankauf des Bildes kam nicht nur aus der Bevölkerung, sondern auch von der Kölner Künstlergruppe "K-66", die ein Pamphlet verfaßte bzw. ein "Manifest für Mondrian gegen die Museumsdirektoren - Manifest gegen Mondrian", mit welchem die Verantwortlichen der Stadt bewegt werden sollten, statt des teuren Mondriangemäldes junge Kölner Künstler durch den Ankauf von Werken zu unterstützen. Die Aufregungen in der Bevölkerung spiegelten sich auch in der Politik wider. Der positiven Entscheidung des Kulturausschusses wurde im Rathaus der Vorwurf der Kompetenzüberschreitung entgegengehalten. Unterstützung bei der Erwerbung erhielt der Direktor des Wallraf-Richartz-Museums fast ausschließlich von Experten. Der ehemalige Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Prof. Kurt Martin, urteilte: ".. es gehört ohne Einschränkung zum Bedeutendsten, was Mondrian geschaffen hat". Einen Monat nach dem Ankauf des Kölner Gemäldes wurde im Kunsthandel ein Werk Mondrians für 550.000 DM angeboten. Blick man in die Liste heutiger Kunstauktionen, so erfährt man, daß eine der seltenen Kompositionen von Piet Mondrian auf einer Auktion bei Sotheby's in New York im November 1996 für über 5.500.000,- US$ versteigert wurde. Nächste Woche im Bild der Woche: kunsthistorische Erläuterungen zum Gemälde Mondrians.

I. Kolb