Dementi ­ Keine Fälschung im Museum Ludwig

Bild der 1. Woche - 29. Dezember 1997 bis 5. Januar 1998

Protokoll der Unterredung zwischen Herrn Dillinger (Museum Ludwig, Köln) und Herrn Kleff (Detektivbüro Kleff, Köln):

Das im obigen Text angesprochene Gemälde Die Geistesgegenwart von René Magritte (Museum Ludwig, Köln, ML Dep. 7000) ist weder eine Fälschung noch wurde es gestohlen. Das Gesprächsprotokoll ist vielmehr ein Auszug aus dem Roman von Jochen Schimmang: Die Geistesgegenwart (Fischer Taschenbuch Verlag, Bd. 11758). Im Prolog dieses Buches findet sich eine lesenswerte Beschreibung des Bildes. I. Kolb Jochen Schimmang, Die Geistesgegenwart, Prolog Der Ort ist nicht genau auszumachen. Es könnte am Strand sein. Dort hinten scheint das Meer zu beginnen, über dem sich ein großer leerer Himmel spannt, grau eher als blau. Kleff würde es gefallen, wenn es am Strand wäre. Aber es muß nicht der Strand sein. Es könnte sich auch um eine beliebige Ebene weit landeinwärts handeln, eine Ebene in Belgien natürlich. In diesem Falle sähe man dort hinten nicht das Meer, sondern den Rand des Horizonts. Im Vordergrund sammelt sich alles auf engstem Raum, in entrückter Konzentration: der Vogel, der Mann, der Fisch - von links nach rechts. Zuerst richtet sich der Blick auf den Mann in der Mitte. Der Anthropozentrismus ist nicht auszurotten. Um eine dieser bekannten Figuren mit der korrekt sitzenden Melone handelt es sich, mit dem zugeknöpften Mantel, in dessen Taschen beide Hände versenkt sind und in dessen Ausschnitt wir den Kragen eines weißen Hemdes mit einer dunklen Krawatte sehen. Der Mann scheint einen dunklen Anzug zu tragen. Seine Schuhe sind gute schwarze Stadtschuhe mit runden Kragen, ein wenig unpassend für den Strand oder die freie Ebene, wie überhaupt seine ganze Kleidung eher einem Oktoberabend in Brüssel angemessen wäre. Zweifellos ist er nicht zum Wandern hergekommen, in diese Ebene, an diesen Strand, der zwischen Blankenberge und Ostende sich erstrecken könnte. Vielleicht ist er gar nicht hergekommen: vielleicht hat er schon immer in dieser Ebene gestanden. Natürlich hat er schon immer hier gestanden, denkt Kleff, seit 1960, als er geschaffen wurde. Vor allem kann man sich nicht vorstellen, daß er jemals etwas sagen könnte. Kleff kann die Augen des Mannes nicht fixieren, da dessen Blick immer ins Leere geht, wie man sich ihm auch nähert. Im Gegensatz zu seiner Kleidung läßt das Gesicht auf einen eher noch jungen Mann schließen, Anfang dreißig vielleicht. Es ist ein Gesicht mit weichen, beinahe kindlichen Zügen und dem Anflug eines Lächelns: eines Lächelns, das aus einer Verletzung herrühren könnte, die der Mann erlitten hat, oder aus einem unangenehmen Wissen, das er mit niemandem teilen kann. Über den zunächst grauen, dann, beim näheren Hinsehen, blauen Augen wölben sich in schönem Bogen kräftige dunkle Brauen. Die geschlossenen Lippen unter der geraden Nase, bei aller Konzentration, haben sie nicht auch etwas Sinnliches? Sind sie nicht sogar eine Spur zu rot? Wenn seine Augen etwas fixieren, muß es weit außerhalb des Bildes liegen, weit hinter Kleff und den anderen Betrachtern. Vielleicht erwartet er eine Person, die von dort langsam auf ihn zukommt. Der Ausdruck seines oval geschnittenen Gesichts könnte eine solche Erwartung signalisieren. Dagegen scheint er nicht zu bemerken, daß er von einem Vogel und einem Fisch flankiert wird, die beide ungefähr seine Größe haben. Der Vogel sitzt auf einer Astgabel, die unvermittelt aus dem Boden wächst. Zunächst scheint er zur Familie der Greifvögel zu gehören. Ein Falke könnte es sein, ein Habicht, ein Bussard - wenn er nicht den Kopf einer Taube hätte! Sein Gefieder ist rötlich gemalt. Wir sehen ihn im Profil; sein bogenförmig spitz nach unten zulaufender Schnabel deutet auf die rechte Schulter des Mannes. Wohin sein Blick sich richtet - man sieht natürlich nur ein Auge, das rechte -, läßt sich nicht sagen. Es läßt sich nie sagen, wohin der Blick der Vögel sich richtet, denkt Kleff. Dieser hier scheint jedenfalls nicht auf der Jagd zu sein, eher ins Nachdenken versunken. Kleff geht davon aus, daß die Tiere, auf ihre Art, ebenso nachdenken wie wir, die denkenden Schilfrohre. Der Fisch könnte am ehesten ein Lachs sein, auch eine Forelle. Er ist silbergrau, kaum geschuppt und richtet seinen Blick starr zu Himmel, denn er liegt nicht etwa im Sand, sondern steht auf seiner Schwanzflosse. Wie eine Rakete auf der Abschlußrampe, denkt Kleff. Sein Maul ist halb geöffnet und würde sich im nächsten Moment wieder schließen, wenn er im Wasser wäre. Ähnlich dem Mann scheint er eine Verletzung erlitten zu haben oder über ein Wissen zu verfügen, das er mit niemandem teilen kann. Der Titel des Bildes, sagt der Führer zu der Gruppe süddeutscher Touristen, mag sehr wohl ironisch sein. Wenn Sie genau hinsehen, werden Ihnen die drei Figuren auf dem Bild, die man übrigens als völlig gleichberechtigte ansehen muß, eher ein wenig in Trance erscheinen denn geistesgegenwärtig. Es ist als habe die gesammelte Aufmerksamkeit, die sie erst auf gewisse Gegenstände - reale oder ideale - gerichtet hatten, sie inzwischen ihrerseits verschlungen und es unmöglich gemacht, sich aus diesem Bann zu lösen. Sehen sie nicht aus, als warteten sie auf Erlösung, oder, um ein weniger religiöses Motiv anzuführen, als warteten sie wie Dornröschen darauf, wachgeküßt zu werden?

I. Kolb