Giovanni di Pietro d'Ambrogio, Geißelung Christi

Bild der 44. Woche - 27. Oktober bis 3. Nevember 1997

Giovanni di Pietro d'Ambrogio (Siena 1409/10 - 1449), Siena) oder Maestro dell'Osservanza - Geißelung Christi Pappelholz, 45 x 30,5 cm, Wallraf-Richartz-Museum, Dep. 321 Leihgabe der Familie Neven DuMont

Bei diesem hervorragenden Werk handelt es sich eigentlich um den bemalten Deckel eines Aktenordners. Ursprünglich umfaßte diese Akte ein Verzeichnis aller Staatseinkünfte (z.B. Steuern) und aller Ausgaben, welche die Gabella Generale - das entsprechende Verwaltungsamt des italienischen Stadtstaates Siena - von Januar bis Juni 1441 registrierte. Um Amtsmißbrauch, Korruption usw. zu vermeiden und um einer möglichst hohen Zahl von Vollbürgern die Mitwirkung in der Staatsverwaltung zu ermöglichen, war die Amtszeit der zuständigen Beamten auf sechs Monate beschränkt. Danach legten sie zum Beweis einwandfreier Amtsführung die in ihrer Amtsperiode geführte Akte vor. Auf dem Deckel wurden - wie in diesem Beispiel zu sehen - Wappen, Namen, Funktionen und Amtszeit der verantwortlichen Amtsinhaber festgehalten. Als zusätzlicher Schmuck konnte auf den Aktendeckeln eine bildliche Darstellung angebracht werden, die bisweilen die Amtstube und die Beamten selber zeigt, oft aber auch ein religiöses Thema behandelt. In unserem Fall ist die Geißelung Christi zu sehen. Christus steht im Zentrum des Bildes, an die Mittelsäule einer gewölbten Halle gefesselt. Seine Beine sind gekreuzt, Oberkörper und Kopf in unterschiedliche Richtungen gewandt, so als versuche der Gefolterte verzweifelt, den Schlägen ausweichen. Zahlreiche blutende Schlagwunden überziehen bereits wie ein regelmäßiges Muster Brust, Bauch und Arme Christi, doch prügeln die Schergen weiter. Auf dem farbig eingelegten Steinfußboden ist ihre Stellung im Raum genau zu ermessen. Wie in einem grausamen Tanz umkreisen sie ihr Opfer. Dieser Eindruck wird durch die Gleichartigkeit ihrer Körperbewegungen betont, denn es handelt sich um figure come fratelli - zwei in Drehsymmetrie einander fast genau entsprechende Gestalten. Vielleicht benutzte der Maler für die Darstellung der beiden Folterknechte Vorder- und Rückansicht desselben plastischen (oder lebenden) Modells. Die drei Gestalten sind in eine recht ausgeklügelte Gesamtkomposition eingebunden: Während die beiden Schergen vor dem Hintergrund der kahlen Wände agieren, wird Christus vom Goldgrund hervorgehoben. Daß letztlich doch nicht die Folterknechte, sondern göttlicher Wille das Geschehen kontrolliert, wird durch das zentralperspektivische Schema verdeutlicht: Der Fixpunkt, in dem die Konstruktionslinien des Bodens fluchten, liegt im Nabel Christi, dem Zeichen der Menschwerdung Gottes! Auch wenn die Tafel noch nicht eindeutig einem bestimmten Künstler zugeschrieben werden konnte, handelt es sich zweifellos um einen der schönsten und qualitätvollsten außerhalb Italiens befindlichen Aktendeckel der mittelalterlichen Stadtverwaltung Sienas. Der hohe künstlerische Rang des Werkes wird indirekt auch dadurch bestätigt, daß es sich einst in der Sammlung des berühmten Münchner "Malerfürsten" Franz von Lenbach befand.

R. Krischel