Heilige Steine

Bild der 20. Woche - 14. Mai bis 20. Mai 2018

Wilhelm Hammerschmidt: Die Klagemauer der Juden an der Omar-Moschee, um 1860. Albuminpapier auf Karton, 27,2 x 21,9 (Bild) & 38,0 x 32,8 (Blatt) cm. Köln, Museum Ludwig, Sammlung Fotografie, Inv.-Nr. FH 03410, Zugang 2005

Unser Bild der Woche zeigt einen Mauerabschnitt, der Weltgeschichte geschrieben hat und noch immer schreibt: die „Klagemauer“ (hebr. oft: Kotel: „Mauer“), die ehemalige westliche Sützmauer des Plateaus des zweiten jüdischen Tempels in Jerusalem. Täglich besuchen Hunderte diesen Mauerabschnitt - 48 Meter lang, 18 Meter hoch - um zu beten, streng nach Geschlchtern getrennt: jüdische Männer links, jüdische Frauen rechts.

Die Mauer stellt für viele Juden ein Symbol für den ewigen Bund Gottes mit seinem Volk dar. Auf dem Hügel, dem biblischen Berg Zion, soll unter dem legendären König Salomo um 960 v. Chr. ein erster Tempel errichtet worden sein, in dem die Bundeslade aufbewahrt wurde – Symbol eben jenes Bundes mit dem Gott Davids und Salomos, Jahwe. Hier ist der Beginn des Monotheismus zu finden und hierauf gründet sich der Anspruch, dass Jerusalem die unteilbare Hauptstadt Israels sein muss. Die Bundeslade ging verloren, als der erste Tempel 586 v. Chr. von babylonischen Truppen zerstört wurde. Nach der Besetzung Jerusalems durch die Perser konnte an derselben Stelle um 515 v. Chr. ein schlichterer (der zweite) Tempel neu gebaut werden, der in der Folge zum zentralen Sakralbau des Judentums wurde und Jerusalem damit zu dessen Heiliger Stadt. Der zweite Tempel wurde von König Herodes dem Großen ab 20 v. Chr. prachtvoll ausgebaut, die Westmauer dürfte, wie archäologische Funde belegen, unter Herodes Agrippa II., dem Urenkel Herodes’, vollendet worden sein (Regentschaft 50–70 n. Chr.). Der Tempel wurde von den Römern im Jahre 70 n. Chr. während des Jüdischen Krieges zerstört.

Den Standort des eigentlichen Tempels auf dem Tempelberg (arab.: Haram al-Sharif) markieren seit dem 7. Jahrhundert die Al-Aqsa-Moschee (707-715) und der Felsendom (err. 687-691), die Jerusalem nach Mekka und Medina zur drittheiligsten Stadt des Islam machen. Und in diesem Zusammentreffen liegt ein ungeheures Konfliktpotenzial. Den Muslimen ist der Ort heilig, weil Mohammed auf einem geflügelten Reittier (Sure 17,1) zu einer weit entfernten Moschee – sie wird mit Jerusalem identifiziert – geflogen und von dort in den Himmel aufgefahren sein soll. Gläubige Muslime erkennen auf der Oberfläche des vom Felsendom umschlossenen Felsens (der Gipfel des antiken Berges Zion) den Fußabdruck des Propheten, die al-Aqsa ist die drittheiligste Moschee des Islam. "Al-Quds", so der arabische Name Jerusalems, ist aus Sicht der Palästinenser ihre angestammte Hauptstadt. Und so herrscht seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967, als israelische Truppen den bis dahin von Jordanien kontrollierten Ostteil der Stadt eroberten, Zwist: Israel beansprucht ganz Jerusalem als Hauptstadt, die Palästinenser den Ostteil. Solange dieser Streit nicht geklärt ist, wird es keine Aussicht auf Frieden geben.

Als der Fotograf Wilhelm Hammerschmidt nach 1860 von Kairo aus nach Jerusalem reiste, war die Stadt weit entfernt davon, weltpolitische Bedeutung zu haben. Hammerschmidt betrieb von ca. 1860 bis 1870 ein florierendes Fotostudio in Kairo, reiste mehrfach nach Oberägypten und begleitete Touristen als Reiseführer und - fotograf. Sein Blick auf Jerusalem ist ein pittoresker, was nicht verwundern kann. Jerusalem war um 1860 eine Provinzstadt unter Herrschaft der Osmanen, die sie 1839 mit britischer Hilfe zurückerobert hatten. Nur langsamen setzte mit der Einwanderung christlicher Missionare ab 1858 und der infrastrukturellen Erschließung Palästinas christliche Pilgerströme und ein früher Tourismus ein. Doch Jerusalem wuchs langsam und hatte 1905 erst 32400 Einwohner, die weitgehend friedlich miteinander auskamen.

Erst als die Osmanen Palästina 1917 an die Briten abtreten mussten und das Empire sowohl den Arabern als auch den Juden Jerusalem als Morgengabe versprachen, war der Nahostkonflikt geboren. Er wird sich auch zum heutigen 70. Jahrestag der Staatsgründung am 15. Mai 1948 nicht lösen lassen - im Gegenteil: US-Präsident Trump wird die amerikanische Botschaft nach Jerusalem verlegen lassen und damit den Hauptstadt-Status bekräftigen.

M. Hamann