Krieg der Sterne in der "Republik der Kinder"

Bild der 38. Woche - 19. September bis 25. September 2016

Dirck van Delen: Palast mit dem Gleichnis des verlorenen Sohnes, 1649. Öl auf Eichenholz, 56,5 x91,5 cm, WRM 1361 (Foto: RBA)

Tobi Kock und Paul Boehner: Die Galaxie der Jedi und Sith, 2016. Blei- und Buntstift auf Papier, 41.5 x 59,5 cm, Privatbesitz (Foto: D. Ciesielski)

Wer in den vergangenen Wochen durch die Barockabteilung des Wallraf-Richartz-Museum schlenderte, konnte so manche überraschende Entdeckung machen. Denn dort hingen zwischen Altmeistern des niederländischen Barocks wie Frans Snyders und Jan Mijtens auch einige elegant gerahmte Bilder äußerst junger Künstler, genauer gesagt von Kindern im Alter zwischen 6 und 12 Jahren. Doch was hat es damit auf sich?

Gegenstand dieser Irritation ist die „Republik der Kinder“, eine Ausstellung, die sich nicht nur thematisch an den Interessen der Kinder orientiert, sondern Kinder explizit dazu auffordert, eigene Kunstwerke zu den präsentierten Themen zu erschaffen und so die Ausstellung ganz aktiv mitzugestalten. Der oft als schwer empfundenen Bilderwelt des „Goldenen Zeitalters“ können sich die jungen Besucher hier mittels auf ihre Sichthöhe gehängter Bilder, ein reiches Angebot an Kinderführungen samt spannender Malwerkstätten, ganz entspannt und sehr kreativ widmen.

Zwei dieser Nachwuchskünstler waren Tobi Kock und Paul Boehner, beide sieben Jahre alt. Während einer Schulklassenführung durch die „Republik der Kinder“ hatten sie das Bild von Dirck van Delen (1606–1671) und die darin dargestellte Geschichte mit dem „Gleichnis des verlorenen Sohnes“ für sich entdeckt. In seiner 1649 gemalten biblischen Szene, lässt der niederländische Meister vor der Kulisse seiner grandiosen Architektur-Pasticcios und einem sommerlich blauen Himmel, diese komplexe Vater-Sohn-Geschichte mit edel gekleideten Damen und Herren ihren Lauf nehmen. 

Für Tobi und Paul stellte sich das niederländische Barockgemälde wie folgt dar:
Ein reicher Mann hatte zwei Söhne. Den jüngeren zog es hinaus in die weite Welt und so bat er seinen Vater, er möge ihm doch seinen Erbteil auszahlen. Der Vater erfüllte den Wunsch seines Sohnes und so kam es, dass dieser fernab der Heimat alsbald sein Erbe verprasst hatte. Der älteste Sohn aber blieb stets treu an der Seite seines Vaters. Weder forderte er sein Erbe frühzeitig, noch drückte er sich vor der im väterlichen Haushalt anfallenden Arbeiten. Verarmt, hungernd und zum Schweinehirten herabgesunken, trieb es den jüngsten Sohn wieder in die Heimat. Er wagte zwar nicht zu hoffen von der Familie freudig empfangen zu werden, aber zumindest eine Anstellung für den Lebensunterhalt vom eigenen Vater gewährt zu bekommen.

Van Delen zeigt genau den Moment, in dem der mittels langer weißer Haare und langen Bart als alter Mann gekennzeichnete Vater seinen beinahe ängstlich wimmernden und in Lumpen gekleideten Sohn glücklich in die Arme schließt. Tobi und Paul aber interessierte vor allem, wie sich nun wohl der zurückgebliebene, treu an der Seite seines Vaters arbeitende Bruder fühlen muss. Das tiefe Grummeln im Bauch, welches stets das Gefühl des „Ich bin von meinen Eltern ungerecht behandelt worden“ und „Die haben den wohl lieber als mich“ kennen sie als Geschwisterkinder auch. Schnell haben sie verstanden, dass es sich hierbei nicht nur um ein neutestamentarisches Gleichnis handelt (LK 15, 11-32), sondern auch um eine Geschichte von „Streiten & Vertragen“, von „Arm & Reich“ und vor allem von „Gut & Böse“. Am Ende, dessen sind sie sich ganz sicher, siegt wie in allen guten Familien die „Macht der Liebe“ und alles wird wieder gut sein. Und so kommt es natürlich, dass auch beim Gleichnis des verlorenen Sohnes, sich die konkurrierenden Brüder wieder vertragen und der verzweifelte Vater seinen verloren geglaubten Sohn überglücklich in die Arme schließt.

Doch welche Eindrücke aus der Führung nehmen diese beiden Kölner Erstklässer tatsächlich mit in den anschließenden Workshop? Was werden sie an visuellen und historischen Inspirationen in ihr eigenes Kunstwerk einfließen lassen? Das Substrat aller Eindrücke und persönlicher Interessen sehen wir in ihrer gemeinschaftlich geschaffenen Graphik mit dem schönen Titel „Die Galaxie der Jedi und Sith“.
Für all jene Bildbetrachter die sich weniger gut im Universum „Star Wars“ auskennen, folgt nun eine kleine Bildbeschreibung:

Die jungen Künstler haben mit Bleistift und Buntstift auf weißem, chlorfrei gebleichtem Papier (420 x 594 mm) eine über die gesamte Bildfläche verteilte Schlacht zwischen den verfeindeten Lagern der Jedi, jener Ritter der „guten Seite der Macht“, und den Sith, den Vertretern der „dunklen Seite“ dargestellt. So sieht man allerorts auf dem Zeichengrund Raumschiffe unterschiedlichster Form und Größe durch die Galaxie schweben. Besonders stechen dem Bildbetrachter dabei der riesige runde „Todesstern“ und der formschöne „Sternenkreuzer“ ins Auge. Beides sind besonders gefährliche Flugobjekte des mächtigen Imperiums. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man das umfangreiche Figurenpersonal, das sich vor allem am unteren Bildrand tummelt. Es handelt sich hierbei ausnahmslos um Kämpfer beider Lager. Allesamt sind sie bewaffnet mit Laserschwertern und Laserpistolen in wahlweise leuchtendem Grün, für die Jediritter, und strahlendem Rot, für die Kämpfer der Sith.

Wir nähern uns dem Kern der dargestellten Geschichte. In der Bildmitte sehen wir den Jedi Luke Skywalker, wie er in seinem windschnittigen Raumschiff über seinen Heimatplaneten Tatooine fliegt. Direkt unterhalb seines grüngrundigen Planeten steht ein großes rot-braunes, pelziges Wesen namens Chewbacca. Hierbei handelt es sich um den monsterartigen Freund unseres jugendlichen Helden Luke Skywalker aus dem Lager der Rebellen. Doch Luke Skywalker taucht noch ein zweites Mal auf. Links neben dem in Ketten gelegten Chewbacca befindet sich das Hauptmotiv, jene Szene, in welcher die ganze Geschichte gipfelt und durch die sich der gesamte kriegerische Bildinhalt ins Gute wendet. Wir entdecken Luke Skywalker im Laserschwertkampf mit Darth Vader, seinem, wie sich erst im Verlauf der Erzählung herausstellt, leiblichen Vater. Er kämpft auf der falschen Seite, nämlich der des „Bösen“. Nachdem Darth Vader während dieses Kampfes seinem Sohn mit dem legendären Satz „Ich bin Dein Vater“ in das Geheimnis der Familie eingeweiht hat, versucht er diesen gemeinsam mit dem „Imperator“ natürlich auf die eigene, dunkle Seite zu ziehen – doch vergeblich. Es folgt ein erbitterter Kampf zwischen „Luke & Darth“, zwischen „Gut & Böse“, zwischen der „Dunklen & der Guten Seite der Macht“.

Am Ende von diesem „Krieg der Sterne“, welcher seit den 80er Jahren als modernes Märchen Filmgeschichte schrieb, gewinnt selbstverständlich das „Gute“. Luke wird letztlich durch das unsichtbare Band der Familie, durch die Selbstopferung seines Vaters Darth Vader, gerettet. Der Imperator - als Personifikation des "Bösen" - ist besiegt.

Was das Bild der beiden Jungen mit dem des Altmeisters Dirck van Delen vereint, ist die Liebe zur möglichst vollständigen und auf große Emotionen ausgelegten Bilderzählung. Hat das moderne Märchen gegenüber der altehrwürdigen Bibelgeschichte vordergründig die handfesteren Kämpfe auszufechten, so liegt doch beiden eine äußerst komplexe Vater-Sohn-Geschichte zugrunde. Die jungen Künstler haben, ganz ähnlich wie ihr barockes Vorbild, die Inhalte in ihre eigene Welt transportiert. Am Ende steht nicht nur für die Künstler, sondern auch für den Bildbetrachter fest: „Die Macht ist mit Dir“ – welche das ist, bleibt jedoch jedem selbst überlassen.

D. Ciesielski