Visuelle Kultur für die junge BRD

Bild der 37. Woche - 12. September bis 18. September 2016

Heinz Edelmann und Willy Fleckhaus: Plakat für die WDR-Veranstaltung „Umstrittene Sachen“ am 14.1.1969, 1969. Plakatdruck, 59,2 cm x 83,5 cm, Inv. C551/43 (Foto: RBA)

Seit dem 25. August begegnen wir mit Willy Fleckhaus im Museum für Angewandte Kunst einem Grafikdesigner, der berühmt und zugleich unbekannt geblieben ist. Zunächst Journalist, wurde Fleckhaus in den 1960er Jahren zum ersten Art Director der jungen Bundesrepublik. Seine Entwürfe sind im kollektiven Gedächtnis unmittelbar mit den "Wilden Jahren" der Studentenrevolution in Deutschland verbunden: die Zeitschrift twen, deren Mitbegründer und Art Director er war; das Logo der Zeitschrift Quick;  die Wort-Bild-Marke Ein Herz für Kinder; die Regenbogenreihe des Suhrkamp Verlages; das frühere Logo des WDR.

In einer Zeit, zu der die Bilderflut der Massenmedien noch in den Kinderschuhen steckte, galt Fleckhaus als geradezu bildbesessen. Er vertraute dem Bild als Medium für Botschaften und Inhalte in einer Zeit, in der Verleger noch an das geschriebene Wort als einziges seriöses Informationsmedium glaubten. Fleckhaus' Sicht ist durchaus als demokratische Avantgarde zu bezeichnen. Das visuelle Aufbereiten von Inhalten war dem zunächst als Journalist tätigen Fleckhaus ein wichtiges Bestreben; zumal in einer Gesellschaft, die bemüht war, sich von der Propaganda der Nazijahre zu emanzipieren und von den Trümmerjahren zu erholen.

Ab 1968 arbeitete Willy Fleckhaus gemeinsam mit Heinz Edelmann für den WDR. Edelmann, der gerade von seiner Arbeit am Film Yellow Submarine aus London zurückgekehrt war, beschreibt den WDR als "tonangebende deutsche Sendeanstalt" in diesen Jahren. Fleckhaus entwarf das WDR-Logo, das der Sender bis 1988 verwendete. Hier ist es ohne das von der Sendeanstalt ergänzte Quadrat im unteren rechten Teil des Plakates zu sehen. Das Quadrat, so Edelmann, habe der WDR ergänzt, "denn durch die Schräge des ‚W' und das betonte Schwänzchen des ‚R' war das Ding nie zum Stehen zu kriegen, nicht achsig und nicht zentriert". Fleckhaus habe es "mit der heißen Nadel gestrickt". Er verwendete exakt dieselbe Schrifttype wie bei twen (Egyptian Condensed Bold). "Insgeheim habe ich ihn immer verflucht für das WDR-Logo", so Edelmann.

Das Plakat entstand für eine Diskussionsreihe des WDR: "Umstrittene Sachen" fand an unterschiedlichen Orten in NRW statt und wurde im Hörfunk übertragen. In den hochpolitischen 60er Jahren war es eine Veranstaltungsreihe, die häufig so überfüllt war, dass Interessierte nach Hause geschickt wurden, um sich wie viele andere zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr vor dem Radio zu versammeln. Das Thema "Demokratie" war in diesen Jahren häufig Gegenstand der Veranstaltung – für viele Diskussionsteilnehmer war die parlamentarische Demokratie noch eine höchst fragwürdige Angelegenheit. Betrachtet wurde die "schwierige Situation des Wählers", der im Grunde mit seiner Möglichkeit der freien Wahl völlig überfordert sei. In einer Massengesellschaft schien Demokratie für einige schwer umsetzbar.

Gedanken, die uns in Zeiten von fragwürdigen Volksentscheidungen am Internationalen Tag der Demokratie, dem 15. September gar nicht so antiquiert, sondern wieder höchst brisant erscheinen.

A. Imig