Eine unbekannte Schönheit

Bild der 36. Woche - 5. September bis 11. September 2016

Karl Schenker: Damenbildnis, um 1920. Vintageprint, Fotografie, Silbergelatine (matt), 24,3 x 17,9 cm, Inv. ML/F 2014/0034 (Foto: RBA)

Wer ins Atelier des Fotografen Karl Schenker (1886–1954) kam um sich porträtieren zu lassen, wandte sich an einen der bekanntesten und teuersten Fotografen seiner Zeit und Branche. So war es die gehobene Gesellschaft und Prominenz, die er fotografierte. Als den "geborene(n) Bildner eleganter Gestalten" feierte ihn die Presse, als "Frauenkopfregisseur", denn bei keinem war man so schön, keiner konnte so meisterhaft retuschieren wie er. Zu Hilfe kamen ihm dabei sämtliche Mittel der Fotoretusche, aber sicher auch die aufkommende Kosmetikindustrie und im ein oder anderen Fall wohl auch die ebenfalls junge Schönheitschirurgie, deren Institute in unmittelbarer Nähe von Schenkers Atelier am Berliner Kurfürstendamm für Nasenkorrekturen und Face-Liftings warben. Vor allem Frauen gerieten zur formbaren Materie – und das oberste Gebot lautete bei Schenker: Schönheit.

Der Fotograf Heinz Hajek-Halke erinnerte sich später mit Bewunderung: "Er (Schenker) hatte von einer angesehenen ‚Dame‘ der Gesellschaft Akt-Aufnahmen gemacht –  '(…) und dass um Gottes Willen mein Mann nicht davon erfährt!' Er schickte ihr die Aufnahmen ins Haus, aber bekleidet mit einem der kostbarsten Pelze, auf dem man jedes Haar zählen konnte. Ich habe selber derartige Retusche von ihm gesehen und ging in die Knie". Neben Pelzen waren es häufig auch Perlenketten und -ohrringe, die erst nachträglich ins Bild gemalt wurden. Der auffallend platzierte Ohrring in dieser Aufnahme einer Unbekannten ist eine solche nachträgliche Ergänzung, die sich vom dunklen Hintergrund besonders abhebt. Und dunkel war der Hintergrund immer, wenn die Kleidung des Modells dunkel war. So kreiert Schenker eine monochrome Bildfläche, die Gesicht und Hand betont.

Charakteristisch für Schenkers Werk sind zudem die formelhaften Posen, in denen sich die Frauen fotografieren ließen. Immer wieder blicken seine Porträtierten kokett über die nackte Schulter oder raffen Pelz oder Tüll am Dekolleté zusammen in einer zugleich Demut und verhaltene Erotik ausdrückenden Pose, wie wir sie etwa bei Darstellungen von Maria Magdalena aus der Kunstgeschichte kennen und wie sie viele Stars des Stummfilms imitierten. Angefeuert von den massenhaft verbreiteten Fotografien der Stummfilmstars als Postkarten oder Sammelbildchen lässt sich in Schenkers Fotografien ein wachsendes Medienbewusstsein ablesen. Sie halten uns die Anfänge einer Lust am "Image", an der Bildmanipulation vor Augen. So sehen wir hier ein schönes Frauenporträt, haben aber Mühe, das Gesicht tatsächlich zu identifizieren.

M. Halwani