St. Mauritius in Köln – der ‚kleine Dom’ am Rande der Altstadt

Bild der 23. Woche - 8. Juni bis 14. Juni 2015

Vincenz Statz: Ansicht von St. Mauritius, 1857(?). Bleistiftzeichnung, laviert und weiß gehöht; 24,3 cm x 34,2 cm, Inv. HM 1958/97 (Foto: RBA)

Von Norden, von der Straße Rinckenpfuhl aus, blickt der Zeichner und Architekt Vinzenz Statz auf sein Werk voraus. Noch steht die alte romanische Kirche St. Mauritius da, kurz vor ihrem Abbruch 1859. Vorausgegangen sind jahrelange Auseinandersetzungen über Erhalt, Umbau oder Neubau des romanischen Kirchenbaus.

Dieser wird 1135 als früheste Bürgerstiftung von Hermann von Stave begonnen, um 1141 geweiht und als erste romanische Kirche im Rheinland mit Kreuzgratgewölben aus Stein versehen. St. Mauritius dient gleichzeitig als Kloster- und als Pfarrkirche: Die Benediktinerinnen von Rolandswerth benutzen den Westteil mit Turm und Empore, die Pfarrangehörigen das Langschiff. Mit der Säkularisation 1802 werden die Domänen für den Unterhalt eingezogen, Kloster und Kirche verfallen. Der Westturm wird als Farbküche genutzt und muss 1832 durch einen schmaleren Turm ersetzt werden. Schwierige Eigentumsverhältnisse, der Wegfall der nahen Pantaleonskirche für den katholischen Gottesdienst und das rasante Bevölkerungswachstum verkomplizieren Erhaltungsmaßnahmen von St. Mauritius. Bei den Pfarrangehörigen wächst der Wunsch nach einem neuen und modernen Kirchenbau.

In dieser Situation stiftet der Kölner Bürger und Pfarrangehörige Nikolaus Frank 1856 80.000 Taler für einen Neubau. Er macht zur Bedingung, den Kölner Architekten Vinzenz Statz (1819–1898) als Bauleiter zu verpflichten, obwohl dieser keinen staatlichen Architektenabschluss, sondern nur eine Ausbildung an der Kölner Dombauhütte absolviert hat. St. Mauritius ist in den Augen der Kölner Neugotik-Fraktion die Chance zu beweisen, dass eine Lehre in der Dombauhütte mindestens genau so gut wie ein Akademieabschluss sei. Doch noch kämpfen verschiedene Kräfte für den Erhalt der romanischen Kirche. Gegen den Abriss plädiert der preußische Konservator Ferdinand von Quast, der die Originalität des Bauwerks in Gegensatz zu den „nachahmenden Formen“ der neugotischen Architektur stellt. Von Quast hat König Friedrich Wilhelm IV. auf seiner Seite, der St. Mauritius selbst besucht hat und sehr schätzt.

Auf Geheiß des Königs muss Statz einen Kompromissentwurf erarbeiten, der einen Erhalt des romanischen Ostteils und einen neugotischen Chor mit Hochaltar im Westen vorsieht. Schließlich setzen sich die Befürworter des Neubaus durch, der Altbau wird wegen angeblich schwerwiegender Baumängel abgerissen. Der Grundstein wird 1861 gelegt und bereits am 8. Juni 1865 – also vor nunmehr 150 Jahren – kann die neue Kirche geweiht werden. Im November 1866 wird auch der 96 Meter hohe Turm mit der Mauritiusfigur von Peter Fuchs (1829–1898) fertig gestellt.

Vermutlich hat Statz dieses Blatt als Entwurfszeichnung für Nikolaus Frank geschaffen und 1857 im Diözesanmuseum präsentiert. Ein Vergleich mit zeitgenössischen Fotografien zeigt, dass der Entwurf – mit Ausnahme des Dachreiters und der Flankentürme – im Wesentlichen so realisiert wurde wie von Statz hier vorgestellt. Entstanden ist ein repräsentativer Bau aus gelbem Backstein, eine Ikone der Neugotik in Köln. Als „kleinen Dom“ feiert das ‚Organ für Christliche Kunst’ 1865 den fertigen Neubau.

Der Weltkrieg hat St. Mauritius in Schutt und Asche gelegt. Fritz Schaller (1904–2002) nimmt die erhaltene Sockelzone, Teile der Apsis und der Polygonkapellen sowie den Turm wieder auf und baut St. Mauritius als verkleinerte Pfarrkirche wieder auf. 1958, als die Entwurfszeichnung von Statz in den Museumsbestand kommt, ist die teilerneuerte Kirche der Pfarrgemeinde wieder für den Gottesdienst übergeben worden.

B. Mosler