Der Weg der Vernichtung

Bild der 19. Woche - 11. Mai bis 17. Mai 2015

Gunter Demnig: "1000 Roma und Sinti im Mai 1940", 1990. Lackfarbe auf Asphaltpapier, 96 x 320 cm, Inv.-Nr. KSM 1990/864 (Foto: RBA / © VG Bild-Kunst, Bonn 2014)

Am 16. Mai 1990 zeichnete der Kölner Künstler Gunter Demnig (geb. 1947, seit 1985 in Köln) mit Lackfarbe und einer selbst gefertigten Druckwalze den Weg nach, der 50 Jahre zuvor Kölner Sinti und Roma zum Bahnhof Deutz-Tief führte. Zwischen dem 16. und dem 21. Mai 1940 waren rd. 1000 Roma und Sinti in Köln zusammengetrieben und von Deutz aus in Viehwaggons in das von Deutschland besetzte Polen deportiert worden.

Seit im späten Mittelalter die ersten Sinti und Roma nach Europa gelangt waren, war man ihnen mit Misstrauen und Abneigung begegnet. Bereits in der Weimarer Zeit gab es eine Reihe von Gesetzen, die die Bewegungsfreiheit dieser Minderheit einengten und sie unter verschärfte Überwachung stellten. Mit der NS-Herrschaft wurde die Stellschraube noch enger gezogen. Die rassistische Gesetzgebung gegen die Juden wurde auch auf die Gruppe der Sinti und Roma übertragen, so 1935 die „Nürnberger Gesetze“ oder das „Erbgesundheitsgesetz“. 1936 gab es gar einen gesonderten Erlass zur „Bekämpfung der Zigeunerplage“. Zuständig war die Kriminalpolizei. Wie auch die Juden erlebten die „Zigeuner“ eine allmähliche Entrechtung und den Entzug ihrer Lebensgrundlagen.

Der nächste Schritt war die Einrichtung von „Zigeunerlagern“. In Köln befand sich dieses in Ehrenfeld, auf einem Sportplatz an der Venloer Straße. 500 Menschen wurden hier zusammengepfercht, hinter Stacheldraht und von einem SS-Mann bewacht.

Schon im September 1939 wurden von der NS-Führung große Deportationen in den Osten beschlossen, die dann im Mai 1940 umgesetzt wurden. 6000 Sinti und Roma aus fast ganz Deutschland sollten von drei zentralen Sammellagern, von denen eines in Köln lag, aus deportiert werden. Am frühen Morgen des 16. Mai wurden in Köln lebende Sinti und Roma festgenommen bzw. vom Lager in Ehrenfeld aus in das Messegebäude auf der anderen Rheinseite gebracht. Das ist der Weg, den Demnig nachging und -zeichnete. Mittlerweile ist die Spur an einigen Stellen des Weges mit Hilfe von Sponsoren als Messingspur ins Pflaster eingelassen, so auch vor dem Zeughaus, wo Demnig die erste Messingspur verlegte.

In der Kölner Messe trafen im Laufe des 16. Mai 1940 Transporte aus der ganzen Rheinprovinz ein. Allen wurde eine Nummer in die Haut gestempelt. Vom Bahnhof Deutz-Tief aus wurden fünf Tage später, am 21. Mai, 938 Personen, darunter 412 aus Köln, in Viehwaggons in die Konzentrations- und Vernichtungslager im „Generalgouvernement“, also im besetzten Polen, deportiert. Später sollten weitere Deportationen folgen. Insgesamt wurden aus Köln 642 Sinti und Roma deportiert. Nur etwa 100 von ihnen haben die Lager überlebt.

Allerdings war damit ihre Diskriminierung nicht zu Ende. Die NS-Akten über die Erfassung und Deportation der Kölner Roma und Sinti hatten die Kriegszerstörungen überstanden und wurden auch in der Bundesrepublik von der Polizei weiterhin genutzt.

R. Wagner