Mütterliche Liebe

Bild der 22. Woche - 1. Juni bis 7. Juni 2015

Madonna auf breitem Thronsitz, Köln um 1270, 61,5 x 46 x 20 cm, Inv.-Nr. A 46 (Foto: RBA)

Wer kennt sie nicht – die Darstellungen der Maria mit dem Kind. Es gibt unzählige Bildnisse, Skulpturen, Gemälde oder kleine Figürchen in allen nur denkbaren Formen, Farben und Größen (Beispiele im Bild der Woche). Auch im Museum Schnütgen sind zahlreiche Marienfiguren zu sehen. Eine der bekanntesten Darstellungen der Maria mit dem Kind, die Madonna auf dem breiten Thronsitz, befindet sich ebenfalls in der Sammlung.

Die Holzskulptur spiegelt die innige Liebe zwischen Mutter und Kind auf einzigartige Weise wieder. Maria sitzt auf einem im Nachhinein verbreiterten Thron mit zwei Pfosten an jeder Seite. Ihre Haltung ist aufrecht, den Kopf und Oberkörper hat sie durch eine halbe Drehung dem Kind zugewandt, das auf ihrem Oberschenkel steht. Sie trägt ein heute goldgelb erscheinendes Gewand mit rotem Innenfutter und weißem Schleier. Doch auch diese Farben wurden im Nachhinein verändert und so dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst. Ihr Gesicht ist zärtlich dem Jungen zugewandt, sie halten Blickkontakt. In ihrer Rechten hält sie einen Apfel, den sie dem Jungen entgegenhält. Zu ihren Füßen liegt ein Drache. Der Junge steht auf dem linken Oberschenkel Mariens und greift mit seiner rechten Hand nach ihrem Schleier. Auch er hat sein Gesicht zärtlich der Mutter zugewandt. Die linke Hand streckt er dem Apfel entgegen, auch er trägt ein goldgelbes Gewand. Sein Haar ist kurz, dunkel und gelockt. Die Gesichter der beiden tragen feine Züge, haben große Augen, einen kleinen, roten Mund und rote Wangen.

Wurde früher die Maria streng, frontal und ohne Interaktion mit dem Kind dargestellt, so ist diese Statuette ein Beispiel dafür, dass sich diese Darstellungsform ab dem 13. Jahrhundert geändert hat. Die Maria wird immer menschlicher und weiblicher und eine Mutter-Kind-Bindung wird sichtbar. Auch das Jesuskind wird nicht mehr majestätisch dargestellt, sondern bekommt kindliche Züge. Die allseits hoch verehrte Gottesmutter wird Stück für Stück von der erhabenen Ikone wieder mehr zum Mensch und zur liebenden Mutter. In dieser Form verkörpert sie zwar sowohl ihre Reinheit und Frömmigkeit aber auch die menschlich liebende Mutter, die sich ihrem Kind voller Zuneigung zuwendet. So wird es für den Betrachter noch einfacher, sich mit ihr zu identifizieren, sie zu verehren und sein Leben nach ihrem Vorbild zu gestalten.

Die Maria auf dem Thron stellt sie in ihrer Funktion als Himmelskönigin dar. Der Drache zu ihren Füßen zeigt ihre Erhabenheit über das Böse. Der Apfel in ihrer Hand kennzeichnet sie als neue Eva und somit ihren Sieg über die Sünde.

Die gute Qualität des Bildwerkes weist auf einen wohlhabenden Auftraggeber hin, die schwungvolle Faltengebung und feine Leichtigkeit der Skulptur sind kennzeichnend für ein höfisch-gotisches Bild der Gottesmutter. Auch der innige Kontakt zwischen Mutter und Kind ist hierfür typisch. Die Rückseite ist nicht ausgearbeitet, sondern flach mit einer rechteckigen Aushöhlung auf Höhe des Thrones, in der wohl ehemals Reliquien aufbewahrt worden sind.

Die Funktion der Maria auf dem breiten Thronsitz lässt sich bis heute nicht mit Sicherheit bestimmen. Durch die Abflachung der Rückseite um 1317 lässt sich jedoch vermuten, dass die Figur spätestens ab diesem Zeitpunkt in einem Altar aufgestellt wurde. Da der Thron und auch die farbige Fassung im Nachhinein verändert wurden ist davon auszugehen, dass die Figur über mehrere Generationen zur Andacht diente und durch die Veränderungen dem Zeitgeschmack angepasst wurde. Die ursprünglich bunte Gestaltung der Figur wurde im 14. Jahrhundert dem Zeitgeist entsprechend in Gold gefasst.

M. Krause