Tugendhafte Mädchen und Frauen spinnen ...
Rudolf Schadows Spinnerin im Wallraf-Richartz-Museum

Bild der 2. Woche - 10. bis 16. Januar 2005

Rudolf Schadow - Die Spinnerin, 1817, Carrara Marmor, Höhe 127 cm, Wallraf-Richartz-Museum, WRM SK 281

Eine sehr junge, anmutig sitzende Frau hat ihren linken Arm erhoben. In der Hand hält sie ein Fadenknäuel. Die rechte, nach unten gewandte Hand, scheint etwas zu umfassen, und tatsächlich fehlt dem Kölner Mädchen eine Garnrolle oder Spule. Die Frau, die so versonnen ihre Arbeit verrichtet, ist also mit Wollarbeiten befaßt. Den Betrachter beachtet sie nicht, denn sonst hätte sie sicherlich das dünne Gewand, das in der Art antiker Gewänder gefertigt und ihr von der Schulter geglitten ist, längst gerichtet. Den Stoff hat der Bildhauer Rudolf Schadow so durchsichtig gearbeitet, daß sogar der Bauchnabel der jungen Frau unter dem Gewand zu erkennen ist. Rudolf Schadow (Rom 1786 - Rom 1822) ist ein Sohn des Berliner Bildhauers Johann Gottfried Schadow (1764-1850), dessen bekanntestes Werk wohl die Quadriga auf dem Berliner Brandenburger Tor von 1794 ist. Bei seinem Vater hat Rudolf Schadow, der während des Romaufenthaltes seiner Eltern geboren wurde, auch die Anfangsgründe der Bildhauerei erlernt. 1810 zog er dann mit seinem jüngeren Bruder Wilhelm, der Maler war, nach Italien. Hier wurde Rudolf Schüler des dänischen Bildhauers Bertel Thorvaldsen (1768/1770 - 1844). In Rom hat Schadow dann um 1814/16 eine erste Spinnerin geschaffen. Diese fand soviel Anklang, daß er sie mehrfach wiederholte. Unser Exemplar datierte er auf dem Felsen mit "1817". Das In-Sich-Gekehrt-Sein der jungen Frau, das Unschuldig-Kindliche, das in so reizvollem Gegensatz zur zarten Erotik der Skulptur steht, hat damals wie heute die Betrachter in ihren Bann gezogen. Ein Beweis dafür, daß der Vorwurf, klassizistische Plastik sei stets kalt und abweisend, nicht zutrifft. Ab dem 19. Januar 2001, 1500 Uhr, können Sie sich davon selbst im Neubau des Wallraf-Richartz-Museums in Köln überzeugen, wo Schadows Spinnerin wieder zu sehen sein wird. Weshalb aber spinnen tugendhafte Frauen? Nun, dies bedeutet mitnichten, daß sie den Realitätsbezug verloren hätten, vielmehr verrichten sie Wollarbeiten. Warum aber wird das Ziehen von Fäden mit dem selben Verb beschrieben, wie das Verlieren von Realitätsbezug? In alten Zeiten spannen die Frauen oft gemeinsam in Spinnstuben. Dabei erzählten sie sich Geschichten, um die Zeit bei der eintönigen Arbeit zu versüßen. (Erfundene) Geschichten erzählen und den Bezug zur Realität zu verlieren, das liegt nah beieinander, und so fand die Übertragung der Worte statt. Und die Verbindung von Spinnen und Tugend? Diese Verknüpfung besteht seit biblischer Zeit. Schon in den Sprüchen Salomons im Alten Testament heißt es von der tugendsamen Frau (Sprüche 31, 19): "Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken und ihre Finger fassen die Spindel." So wundert es nicht, daß das Verrichten und Erlernen von Wollarbeiten in der Erziehung von Mädchen bis ins 20. Jhdt. Eine wichtige Rolle spielte …

Th. Blisniewski