Jenseits von Raum und Zeit, endlose Ruhe, sanfte Bewegung

Bild der 49. Woche - 6. bis 11. Dezember 2004

Francisco Goya, Eine Art zu fliegen, Radierung, Kaltnadel und Aquatinta auf Büttenpapier, 33,4 x 49,9 cm, Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud, Graphische Sammlung. Inv. 1938/297
Ausschnitt aus Francisco Goya, Eine Art zu fliegen
Ausschnitt aus Francisco Goya, Eine Art zu fliegen

Wir kennen Francisco José de Goya y Lucientes (1746, Fuendetodos –1828, Bordeaux) als großen Künstler seiner Zeit mit mehreren Gesichtern. Ein Herausragendes ist das des Graphikers, konkret des Radierers und Lithographen. Wie kaum ein Zweiter beherrschte er die damals neue Technik der Aquatinta. Seine großen graphischen Zyklen sind gekennzeichnet durch zum Teil bissige Gesellschaftskritik und unmissverständliche Auflehnung gegen die Obrigkeit. Sie trugen ihm nicht zuletzt, aus heutiger Sicht beurteilt, einen erheblichen Einfluss als gewissermaßen “stiller Wegbereiter der Moderne” ein. Scheinbar fernab von offensichtlicher Kritik an Gesellschaft und Obrigkeit kommt nun dieses graphische Kleinod daher. Es verzichtet auf karikierte Überzeichnung, auf satirische Anspielung. Wie ein Capriccio (einer künstlerischen “Laune”) seiner selbst bricht Goya mit diesem Blatt aus dem Schema seiner Disparates (Torheiten)-Folge (die auch als Proverbios/ Sprichwörter oder Sueños/Träume bekannt sind) aus und schafft mit seiner “Art zu fliegen” (Modo de volar) einen geduldsamen Pol der Ruhe. Oder mögen wir doch ein Sich-Erheben über die Abgründe der Gesellschaft in diesem späten Werk Goyas erkennen? Fünf seltsame Flieger, deren Kopf von einer vogelkopfartigen Schirmmütze bekleidet ist, schweben mitsamt eines technisch anmutenden Gebildes aus fledermausähnlichen Flügeln vor schwarzseidenem Grund durch die Lüfte. Auch der künstlerisch umgesetzte Gedanke von der technischen Beherrschbarkeit des Fliegens durch den Menschen scheint Goya wiederholt beschäftigt zu haben, erinnert sein Fluggerät doch stark an den Genius der gezeichneten Konstrukte Leonardo da Vincis. Gleichwohl durchzieht das Bedürfnis nach bloßem elegischem Schweben und Schweigen jegliche Zeiten im Dasein des modernen Menschen. Dies setzt sich bis in unsere Gegenwart fort. “Chillout”- und “Ambient”-Strömungen, nicht nur in der Populär-Musik, können als Beispiel für diesen Stil- und Zeitgeschmack gelten. Insofern dürfte Goya heute geradezu zu einem Popstar seines Sujets avancieren. Seine “Moderne” ist unsere heute. Und sein Traum lebt in uns bis heute fort. Sind die Zeiten auch noch so unruhig: Wenn die Zeit zur Ruhe kommt, hebt sie ab und bewegt sich langsam, doch stetig gleitend fort.

Th. Klinke